• Mittwoch, 01.Oktober

    Der Himmel im Spätseptember: mürbe machend, scheisse, deutschgrau – ich stehe trotzdem auf. Im Zug kann ich mich nicht auf das Buch konzentrieren, und das Volk macht sich immer noch lustig über Durchsagen in breitem Sächsisch. Zweitausendvierzehn ist das Jahr. Dann sehe ich ein hübsches iranisches Mädchen und beobachte sie ein bisschen. Sie ist zu jung. Ich werde alt.

    Am Hauptbahnhof trinke ich einen Kaffee, gucke dabei enthirnt in den laufenden Fernseher und merke gar nicht, dass ich einem afrikanischen Baby beim Verhungern zuschaue. Der zierliche Thailänder, der hier höchst gay aber autoritär das Sagen hat, fragt plötzlich laut, wem denn “die Tasche da gehört”, “Terroristen überall” sagt seine russische Kollegin, ein Typ in Signalweste, der an seinem Handy hängt, gibt sich als Besitzer zu erkennen.

    Rechtschreibfehler auf N24,  warm, 22 Grad, sieht nach Regen aus, um 19.15 Uhr geht die Sonne unter, nicht nur die Wüste breitet sich aus, auch die Dunkelheit, “DAX setzt Talfahrt fort”. 

  • Freitag, 05. September

    Der Architekt hatte an alles gedacht: das ganze Haus in Rohbeton, weiss gestrichen, der Boden Holz, nicht zu dunkel, nicht zu hell. Kabel liegen frei auf glänzenden Kabelbrücken, daneben Kilometer silberner Rohre, Strecken, Wege, Durchgänge.

    Überall, in den langen, schlauchartigen Gängen, im Untergeschoss, wo die Handwerker arbeiteten, im Obergeschoss, wo die Verwaltung sitzt, diese warme, nach Beton duftende Luft, der Sound einer Lüftung, der aus poliertem Aluminium herausfranst. Keine Fenster, kalkulierte Helligkeit, man weiss nicht: macht es extra müde oder hält es niedrig wach.

    Es ist der Geruch einer Hyperneutralität, wie ein Unterstrich/oder Klammern: Arbeiten, Künstliches Licht, Meetings, Besprechungen, das Offizielle, der Umgang der Menschen miteinander, als “Kollegen”, Weihnachtsfeiern, Geburtstage, sinnlos schweigend in Kochnischen herumstehen, soziale Täuschung, gesellschaftliche Pflichtübungen, Blicke, Diskretionen, Sektgläser festhalten wie einen Glauben. Der Geruch provoziert das ferne Phantasma der Privatheit. 

  • Sonntag, 17. August

    Es ist SEHR gut, daß man schnell vergessen kann. Nicht beklagen über’s Vergessen, freuen. Es verschafft einem die Pausen, die man braucht.

    Ist der August der schrecklichste Monat? Jetzt reißt grade der Himmel auf, eine graue Wolke, die wie eine Sichel geformt ist, zieht den Vorhang auf, dahinter ist tatsächlich hellblauer Himmel. Plötzlich sieht es so aus, als könne es 12 Uhr mittags sein, den Tag noch vor sich, aber es ist nach Acht. Wann habe ich eigentlich verlernt, fern zu sehen/fernzusehen? 

    Ich glaube, ich mag Crystal Palace. Ich mochte sie aber mehr mit Tony Pulis.