• Di, 19.3.2024

    DER MAYONNAISE-MANN

    Es war die Einsamkeit der Mayonnaise, die mich so rührte

    Letzte Woche zog ich mir den unbändigen Zorn eines jungen Mannes zu, der zu jener Zeit, am Vormittag, extrem high sein Mittagessen am Ebertplatz einnahm. Er gehörte an diesem Tag zu den anderen afrikanischen Jungs, die wiederum von den anderen afrikanischen Jungs gemieden werden, weil sie denen zu crazy sind, das business gefährden, Kunden verscheuchen, die Polizei anlocken.

    Was ich zu dem Zeitpunkt, als ich diese einzelne Flasche HEINZ-Mayonnaise inmitten dieses schattigen Stein- und Betonplattennichts in ihrer ganzen Vergessenheitsmelancholie sich sanftweiß abheben sah, nicht wusste, war, dass diese Mayonnaise nicht verlassen war, nicht zurückgelassen und vergessen. Sobald ich im Knien mein Foto von der Mayonnaise gemacht hatte (Porträt-Modus), hörte ich bereits das erste „Entschuldigung“ von weiter hinten. Es war eines dieser Entschuldigungs, das kein Entschuldigen meint.

    Von nun an war der Mann, der sich als Besitzer der Mayonnaise zu erkennen gab, nicht mehr zu halten. Er fragte mich, wieso ich seine Mayonnaise dort fotografierte. Ihm zu antworten, dass ich natürlich nicht wusste, das es seine Mayonnaise war, da sie hier so einsam und verlassen und mit öffenem Mündchen herumstand, auf diese Idee kam ich nicht, da ich mich ja bereits schon nicht mehr in einem Gespräch, sondern in einer heftigen Anklage befand, seine highen roten Augen traten als Nebenkläger auf.
    Ich hatte keine Angst, was mich selbst überraschte, ich war nur genervt. Stattdessen antwortete ich wahrheitsgemäss: Ich fand, das sah schön aus.

    Die Wahrheit ist oft das Überraschendste, was man sagen kann. Sie gefiel ihm nicht. Er war bedient, von Entsetzen übermannt wandte er sich von mir ab, und er lief wie im Dreieck, meine Antwort wiederholend, als wolle er seinen Zorn durch seine Füße in den Boden abgeben. Sieht schön aus sieht schön aus, meine Mayonnaise!
    Er bestand darauf, dass ich das Foto löschte, sofort. Ich holte mein Handy heraus und zeigte ihm, wie ich das Foto löschte, weil ich wusste, dass es immernoch im Ordner Gelöschte Fotos zu finden sein würde, und er mir in diesem Augenblick nicht abgeklärt genug erschienen war, so weit zu denken. Aber es reichte nicht, nicht Ihm, nicht heute.

    Auf dem Höhepunkt seines Unmuts angekommen sah er sich gezwungen, den Rest der noch recht vollen Flasche Mayonnaise, die er nun wie ein Zweihänderschwert umherhievte, schreiend auf den Boden direkt vor ihm zu entleeren. Da hatte ich mich bereits von dem Schauspiel abgewandt und war in Richtung Bahn gegangen, um ins Atelier zu fahren, wo ich manchmal auch schreien möchte, es aber nicht tue.


  • Di, 12.3.2024

    WER IST JIMMY „BARBECUE“ CHÉRIZIER?

    Nur die Sachen machen, die ganz leicht gehen, meinte Luhmann mal.
    Die Sätze kommen und gehen, und das leicht zu finden fällt mir schwer.
    Heute Morgen, früh—da waren Häuser und Vögel noch black blots of ink, hatte ich hier bereits einen Text reingeschrieben, der mir zwar Spaß bereitete, weil er wahr war, aber nach außen hin extrem schlechte Laune verbreiten musste, dachte ich dann. Also hab ich das wieder gelöscht, weil: nee, so möchte ich heute nicht rüberkommen.
    Eine Sache, die zu vermitteln mir schwer fällt, ist der Umstand, dass, obwohl mir superviele Dinge ständig auf die Nerven gehen und ich sie benennen will (nur Wichtiges, klar), ich natürlich trotzdem bei guter Laune sein kann. Can you relate?

    Innocence of Vision

    Darin enthalten, in der Löschmasse, war ein Gedanke, der etwas haften blieb im ewigen Raus und Rein der Daten, und der irgendwie zustande kam, nachdem ich die neuesten Manhattan Art Review-Textchen gelesen hatte, und dann kam mir dieser Satz, von wegen dass eine reine Massierung und Auftürmung von übermässig subjektiven Einzelpositionen (as they say) eben kein realistisches Bild der GROSSEN WELT ergibt, weil sie ihren kleinstperspektivischen, ichzentriert-sentimentalen Ausgangspunkt so selten verlassen, verlassen können, weil man sich anscheinend gewissen Formfragen nicht mehr aussetzt usw. – aber dann kam es mir so vor, als würde ich seit ein paar Monaten schon über nichts anderes mehr schreiben, also hier. Stimmt das überhaupt?

    Kautschuk, die „Träne des Baumes“

    Gutes Gefühl: ich bring mein kaputtes LED-Lightboard zum Elektroladen, eigentlich ohne große Hoffnung, Wegwerfindustrie usw. Da sagt der Mann, ja, könnwa reparieren, ist Freitag fertig, 20 Euro. Ich dachte wow, da ist sie doch noch, diese andere, bessere Welt!

    Gestern Abend Birth (2004) von Jonathan Glazer.

  • Do, 7.3.2024

    DÆMONS, DÆMONS

    Als die Laune gerade noch gut genug ist, einen halbwegs klaren Gedanken zuzulassen, sinkt er in den blauen Campingstuhl. Die Luft draußen riecht bereits so, wie der Gesang der Vögelchen klingt. Von diesem Draußen trennt ihn nur eine Stahltür, die sich von wechselnder Witterung in einem ständigem Zustand von Verformung und Ungehorsam befindet.
    Später, wenn er gehen wird, muss er diese türgewordene, ächzende Frage mit Wucht in den Rahmen zurückschleudern. Die Verwandtschaft der beiden ist uncanny.

    Sich wehren gegen die Brutalisierung, die die relative Armut mit sich bringt. Die eigene Brutalisierung, die der anderen. Es ist die Art der Ausdünnung des Lebens, an die man sich nicht gewöhnen will, nicht gewöhnen s o l l t e gar. Die, die nichts zu tun hat mit einem Minimalismus, der, wohlmöglich, eine aus Stilempfinden keimende Form von Genügsamkeit darstellt.
    He too, when in difficulties, had a sort of battle cry of „Daemons, daemons“ with which he would dash at his canvas.
    Wie früher die Leute gesagt haben, and maybe they still do, wenn man zu lange absichtlich schielt, „bleiben die Augen so stehen“: sich zu sehr an diese Armut gewöhnen hieße, sie setzt sich fest, bricht alle gesunden Widerstände und man kann ihr nicht mehr entkommen.

    „Truth was dropped on Hiroshima“