• Mo, 13.5.2024

    Für den 13. Mai 1660 notiert Samuel Pepys in sein Tagebuch: Nachmittags Kriegsrat: die Harfe muß aus allen Flaggen entfernt werden, da sie das Auge des Königs beleidigt.

    Morton Feldman „Works for 2 Pianists“. Fängt an wie ein John Carpenter Soundtrack.

    Steve Albini. Leute trauern, auch Freunde äussern sich dazu, und ich habe no dog in the fight. Ich google ein bisschen, und finde, die Art wie Albini hasst und kritisiert, ist bisschen platt. Man könnte meinen, jemand, der so wichtig, und in seinem Feld als so formend und exakt galt, meinungs- und abgrenzungsfreundlich war, würde ein bisschen eloquenter abhassen, schließlich spielte Negativität eine große Rolle für ihn, zu Recht auch. Seine Zitate prickeln aber nicht.

  • Do, 9.5.2024

    ZUR GRAND AFFAIR

    One Week Earlier…

    Do, 2.5.2024. Zum Thema des Tages also, es gibt eins, gleich, kleinen Moment noch—

    in der Landschaft hinter Spandau schickt die Sonne ein tiefgelbgoldenes Band quer durch den Zug, die Fenster sind zu Spiegeln verwandelt, und die Frau vor mir schaut sich 4 BLOCKS auf ihrem Computer an, ich kann die Titelschrift des Intros spiegelverkehrt aus einem blassen Schwarz sich herausdrehen sehen, direkt auf der Scheibe zu meiner linken,
    und nach dem Komma sehe ich draußen Militärfahrzeuge, auf Züge geladen, bereit zur Auslieferung, die Camo-Tarps und Lackierungen von makelloser Ultraneuheit, satt und fresh wie grade aus der DRUCKEREI, ein junger Abend der neuen Kriegstauglichkeit, und er ist warm und schön, grün und blau und ferner: rapsgelb.

    Es sind Kinder im Gleis,
    die dort spielen.
    Einen kleinen Augenblick
    Geduld.

    Bjarne Melgaard: „My Career is down the drain“

    9.5., 8:03h:

    In den Moral Mazes 24, dem Arbeitsjournal Frühjahr und Herbst 2019 („die Zeitungen berichteten“), schreibt Rainald Goetz:

    „Alle Ambivalenz muß immer gleich einen NAMEN kriegen, verkürzt werden dadurch, beseitigt letztlich; hier der Begriff Coming-out, spätes Coming-out, in Hans Hütts Besprechung von Rutschkys Tagebüchern. Aber in diesem Begriff geht das Extreme, Irritierende von dessen Aufzeichnungen zu seiner Sexualität gar nicht auf, es ist ja gerade KEIN Coming-out, sondern ein forscherisch nach innen gerichtetes Bemühen um Verstehen des aufwühlend unverstandenen Trieblebens in ihm. Es ist interessant und seltsam, daß es oft gerade entschieden nichtheterosexuellen Menschen schwerfällt, die reale Abgründigkeit der Sexualität und des Begehrens wirklich auszuhalten, daß alles eindeutig zurechtnormalisiert werden muß, klargemacht: Coming-out, ein Aschenbach, verdeckt schwul.“

    Ziemlich direkt betrifft genau dieses Phänomen, das eines Forcierens statt eines Aushaltens, diese Lektüre hier neben mir, Paul Fisher’s Buch über mein favourite Studienobjekt der letzten zwei Jahre, John Singer Sargent. In The Grand Affair zielt allzu viel schreiberische Energie von Fisher, selbst schwul, oder „queer“, wie er schreiben würde, darauf hin, Sargent der Homosexualität zu überführen. Warum eigentlich? Es gäbe da ja noch Sargents komplettes Lebenswerk, über 50 Jahre Malerei, viktorianische Gesellschaft, Leben, erster Weltkrieg, worüber ich gerne noch mehr erfahren hätte. Kann man ja vorne schön dick draufschreiben, dass dies Buch ein an Suggestivfragen aufgezogener „Dialog“ über Sargents Sexualität ist, dessen spekulatives Potenzial sich aus den Schatten Sargent’s viktorianischer Ultraprivatheit ergibt.
    Das ganze Unterfangen leidet dann auch noch schriftstellerisch darunter, wenn etwa wirklich jedes Gesicht eines jungen Gondoliere oder halbnackten „exotic“ Boys, den Sargent skizziert oder malt, als „handsome“ bezeichnet wird. Warum hat da kein Lektor mal eingegriffen und gesagt, Paul, vielleicht mal bisschen weniger horny?

    Fisher versucht Sargent als sehr wahrscheinlich schwulen Mann zu benennen, als eine Art Zeitkollateral einer natürlich hart viktorianisch versperrten Epoche mit ihren gesellschaftlichen Codes, und der in seiner Kunst, nach Fishers Auffassung, genügend Hinweise hinterlassen hat, eine—in diesem Sinne—“Zurechtnormalisierung“ zu wagen. Sargent, gay, „einer von uns“ usw.
    Ja, durchaus möglich, kann sein, aber nicht so wichtig, oder anders: nicht wichtig genug, um als sog. stand-alone Aspekt ein ganzes biografisches Unterfangen aufzuziehen, das als solches nicht explizit angekündigt ist? Hätte ich dann vielleicht nicht unbedingt gelesen, weil mir Sargents Sexualität als Ankerthema nicht r e i c h t. 9:04h.

  • Fr, 26.04.2024

    I WAS COUNTING MY MONEY AND I HAD NO BODY FAT

    Süß war, wie der Busfahrer dem jungen Lehrer, der mit seinen Kinderchen soeben den Bus verlassen hatte und jetzt vom Zebrastreifen her, direkt vor uns, nochmal dankbar in die große Frontscheibe winkte, zurückwinkte. In dem Moment tat sich da auch eine große Schneise Sonnenlicht in und um den Ernst-Reuter-Platz auf, und es war ein großer blauer Kreisel der Freude, der Kurzweil.
    Genau das Gegenteil, dachte ich dann später, passierte mir, als die Frau (?) des Galeristen, die direkt vor mir saß beim Talk mit Mark Grotjahn in der NeuNaGa, mit ihrer herabhängenden, beschmuckten Hand an meinen Schuh geriet, und sich nicht mal umdrehte. Ein weiteres Ereignis in der Langzeitbeobachtung, meines social cases „The Arts“. Es ist kein Klischee, zu behaupten, daß die meisten High-Art-Money-People für Sozialmomente, die unterhalb einer bestimmten Schwelle liegen, sich jedwede Reaktion wegrationalisiert haben, vielleicht sogar mühsam.

    Dann war da noch der Gesichtsausdruck von „Gregor“, das ist offenbar Klaus „I worked at richer museums“ Biesenbach’s Laufbursche, dessen kastanienrotes Haar ihm leicht verschwitzt auf der Stirn klebte, und die Seitenansicht von Grotjahn’s Freundin (?), die so lachte, als höre sie die Stories, die da vorne vom Podium her kamen, zum ersten Mal, und dann trat eine Schläfen-Ader immer ganz stark hervor bei ihr.

    I call them Butterflies, but they are no Butterflies.
    I call them Masks, but they are no Masks.