DER MAYONNAISE-MANN
Es war die Einsamkeit der Mayonnaise, die mich so rührte
Letzte Woche zog ich mir den unbändigen Zorn eines jungen Mannes zu, der zu jener Zeit, am Vormittag, extrem high sein Mittagessen am Ebertplatz einnahm. Er gehörte an diesem Tag zu den anderen afrikanischen Jungs, die wiederum von den anderen afrikanischen Jungs gemieden werden, weil sie denen zu crazy sind, das business gefährden, Kunden verscheuchen, die Polizei anlocken.
Was ich zu dem Zeitpunkt, als ich diese einzelne Flasche HEINZ-Mayonnaise inmitten dieses schattigen Stein- und Betonplattennichts in ihrer ganzen Vergessenheitsmelancholie sich sanftweiß abheben sah, nicht wusste, war, dass diese Mayonnaise nicht verlassen war, nicht zurückgelassen und vergessen. Sobald ich im Knien mein Foto von der Mayonnaise gemacht hatte (Porträt-Modus), hörte ich bereits das erste „Entschuldigung“ von weiter hinten. Es war eines dieser Entschuldigungs, das kein Entschuldigen meint.
Von nun an war der Mann, der sich als Besitzer der Mayonnaise zu erkennen gab, nicht mehr zu halten. Er fragte mich, wieso ich seine Mayonnaise dort fotografierte. Ihm zu antworten, dass ich natürlich nicht wusste, das es seine Mayonnaise war, da sie hier so einsam und verlassen und mit öffenem Mündchen herumstand, auf diese Idee kam ich nicht, da ich mich ja bereits schon nicht mehr in einem Gespräch, sondern in einer heftigen Anklage befand, seine highen roten Augen traten als Nebenkläger auf.
Ich hatte keine Angst, was mich selbst überraschte, ich war nur genervt. Stattdessen antwortete ich wahrheitsgemäss: Ich fand, das sah schön aus.
Die Wahrheit ist oft das Überraschendste, was man sagen kann. Sie gefiel ihm nicht. Er war bedient, von Entsetzen übermannt wandte er sich von mir ab, und er lief wie im Dreieck, meine Antwort wiederholend, als wolle er seinen Zorn durch seine Füße in den Boden abgeben. Sieht schön aus sieht schön aus, meine Mayonnaise!
Er bestand darauf, dass ich das Foto löschte, sofort. Ich holte mein Handy heraus und zeigte ihm, wie ich das Foto löschte, weil ich wusste, dass es immernoch im Ordner Gelöschte Fotos zu finden sein würde, und er mir in diesem Augenblick nicht abgeklärt genug erschienen war, so weit zu denken. Aber es reichte nicht, nicht Ihm, nicht heute.
Auf dem Höhepunkt seines Unmuts angekommen sah er sich gezwungen, den Rest der noch recht vollen Flasche Mayonnaise, die er nun wie ein Zweihänderschwert umherhievte, schreiend auf den Boden direkt vor ihm zu entleeren. Da hatte ich mich bereits von dem Schauspiel abgewandt und war in Richtung Bahn gegangen, um ins Atelier zu fahren, wo ich manchmal auch schreien möchte, es aber nicht tue.
