PRIORITÄTEN IM MOMENT
Indem ich mich dem Gehen verweigere, verweigere ich mich auch der Landschaft. In jedem Grashalm eine tödliche Gleichheit. Der Hass auf das Bekannte. No more, not today.
An der S-Bahn-Haltestelle Hansaring irrt ein junger Afrikaner mit einer großen Tragetasche umher und fragt nach „Buchforst“, wohin ihn wohl die Person am anderen Ende des Telefons, das er immer wieder kurz vom Ohr nimmt um mit der physischen Welt zu sprechen, lotsen will. Aber keiner scheint ihm helfen zu können, oder zu wollen. Kann doch nicht so schwer sein, denk ich, und schaue auf den ausgehängten Plan. Da steht es doch: S6, Buchforst, drei Stationen von hier, 9 Minuten. Ich zeigs ihm.
Keine drei Minuten später kommt eine Frau auf mich zu, auf dem Handy die Bahn-App geöffnet, und sie fragt mich, wie sie in die Bismarckstrasse kommt. Obwohl ihr die Bahn-App ziemlich genau zeigt, wie sie dorthin kommt, kann sie aus den Grafiken von Abfolgen, Zeiten und Nummern keine Information ziehen. Zuerst bin ich irritiert—es steht doch alles da—dann aber erkenne ich diese Situationen wieder: Momente der Wirrheit, obwohl alles, was man braucht, direkt vor einem liegt. Liegt in der Genauigkeit dieser Angaben eine Verschwörung?
Danach wiederum kommt ein junger Mann auf mich zu, mit dem Satz „Sie kennen sich anscheinend hier aus“… nee, eigentlich nicht, gucke nur hin—und auch er fragt mich nach einer Bahnverbindung, und ob diese wegen einer Baustelle an dieser Haltestelle unterbrochen sei. Wir stehen zusammen vor dem Kasten mit den Plänen. Da hängt der Zettel, ja, unterbrochen, aber nur bis 28.2., also gestern. Auch er hatte eigentlich alle Informationen direkt vor sich.