• Do, 25.4.2024

    A.N.N.A.

    Es kam auch schon eine Frau an, ihre dumme Schlafbrille in der Hand, und meinte in ihrem französischen Akzent, ob wir uns vielleicht nicht unterhalten könnten, sie brauche ihre „Nacht“ jetzt, und deshalb auch „Ruhebereich“, und ich sagte aber natürlich in absolut falschester Großzügigkeit und ließ dabei meine Lider sanft auf meine Lidkanten hernieder. Obwohl ich, wie ich jetzt um 6:57h merke, schon in konfrontativer Laune gewesen wäre um einen völlig sinnlosen Kampf mit der bitch anzufangen, diese Ikea-Taschen-bitch. Wir, das ist der Fotograf A., der mir hier zufällig gegenübersitzt, und ich, im Zug nach dem Berlin, einen Tag nach dem Tag, der sich von hinten wie von vorne liest: A N N A immer wenn es regnet. Komischerweise war A.’s erste Frage, wie lange ich bleibe und nicht, warum ich dorthin fahre? Das gibt die Branche schon vor, nehme ich an. Eine metallische Sonne quetscht müde Strahlen in einen metallischen Morgen. 7:15h.

  • Fr, 5.4.2024

    SLOPPY SURFACE, PRECISE ATTACK

    In der dritten Nacht nach dem Tag der Kirschblüte ging ich durch dunkle Strassen, vorbei an Erdgeschosswohnungen, in denen unter brutal grellen Deckenlichtern das Fastenbrechen in vollem Gange war. Ich ging weiter, aber der Lichteindruck hatte bei mir eine böse Orientierungsreaktion hinterlassen: Horror, eine bestimmte Version meines Lebens, offenbart von der unfassbaren Härte und Grausamkeit dieses Lichts. Böses Licht, böse Orientierungsreaktion. Ich ging weiter und schon wenige Sekunden später löste der Geruch, der vom feuchten Asphalt heraufstieg, diese Gedanken ab. Fahrlässigkeit, steckt immerhin Lässigkeit drin.

    In Düsseldorf hatte man beschlossen, die komplette Mike Kelley-Ausstellung in diesen unschönen Keller zu packen. Einige Arbeiten sah ich so zum ersten Mal in ECHT. Die schönen Filz-Banner. PANTS SHITTER AND PROUD. P.S. JERK-OFF, TOO.
    Life imitates Art. Gestern schiss ich mir tatsächlich in die Hose. Auch neu. Trost: ich war zuhause, kein Sozialschaden.

    „Es ist bemerkenswert, dass die Vorstellung vom Interesselosen Wohlgefallen, die Grundlage der westlichen Kunstphilosophie, gegenüber gewöhnlichen Unterhaltungsformen als moralische Autorität ins Feld geführt wird (…)“

    Ostersonntag bei den Eltern. Als ich schon in Jacke in der Tür stand, zum Abschied, begann mein Vater seine Pillendosen für die neue Woche aufzufüllen, die für morgens, die für abends. Das war für mich neu, meinem Vater dabei zuzusehen, vielleicht sogar die eigene Zukunft. Ich ließ mir das erklären von ihm, notierte diese mir unbekannte Welt wie folgt:
    Ramipril
    Amiogamma 200
    ASS Protect 100
    ASS Dexcel
    Lixiana
    Metohexal Succ
    Pantoprazol

  • Di, 19.3.2024

    DER MAYONNAISE-MANN

    Es war die Einsamkeit der Mayonnaise, die mich so rührte

    Letzte Woche zog ich mir den unbändigen Zorn eines jungen Mannes zu, der zu jener Zeit, am Vormittag, extrem high sein Mittagessen am Ebertplatz einnahm. Er gehörte an diesem Tag zu den anderen afrikanischen Jungs, die wiederum von den anderen afrikanischen Jungs gemieden werden, weil sie denen zu crazy sind, das business gefährden, Kunden verscheuchen, die Polizei anlocken.

    Was ich zu dem Zeitpunkt, als ich diese einzelne Flasche HEINZ-Mayonnaise inmitten dieses schattigen Stein- und Betonplattennichts in ihrer ganzen Vergessenheitsmelancholie sich sanftweiß abheben sah, nicht wusste, war, dass diese Mayonnaise nicht verlassen war, nicht zurückgelassen und vergessen. Sobald ich im Knien mein Foto von der Mayonnaise gemacht hatte (Porträt-Modus), hörte ich bereits das erste „Entschuldigung“ von weiter hinten. Es war eines dieser Entschuldigungs, das kein Entschuldigen meint.

    Von nun an war der Mann, der sich als Besitzer der Mayonnaise zu erkennen gab, nicht mehr zu halten. Er fragte mich, wieso ich seine Mayonnaise dort fotografierte. Ihm zu antworten, dass ich natürlich nicht wusste, das es seine Mayonnaise war, da sie hier so einsam und verlassen und mit öffenem Mündchen herumstand, auf diese Idee kam ich nicht, da ich mich ja bereits schon nicht mehr in einem Gespräch, sondern in einer heftigen Anklage befand, seine highen roten Augen traten als Nebenkläger auf.
    Ich hatte keine Angst, was mich selbst überraschte, ich war nur genervt. Stattdessen antwortete ich wahrheitsgemäss: Ich fand, das sah schön aus.

    Die Wahrheit ist oft das Überraschendste, was man sagen kann. Sie gefiel ihm nicht. Er war bedient, von Entsetzen übermannt wandte er sich von mir ab, und er lief wie im Dreieck, meine Antwort wiederholend, als wolle er seinen Zorn durch seine Füße in den Boden abgeben. Sieht schön aus sieht schön aus, meine Mayonnaise!
    Er bestand darauf, dass ich das Foto löschte, sofort. Ich holte mein Handy heraus und zeigte ihm, wie ich das Foto löschte, weil ich wusste, dass es immernoch im Ordner Gelöschte Fotos zu finden sein würde, und er mir in diesem Augenblick nicht abgeklärt genug erschienen war, so weit zu denken. Aber es reichte nicht, nicht Ihm, nicht heute.

    Auf dem Höhepunkt seines Unmuts angekommen sah er sich gezwungen, den Rest der noch recht vollen Flasche Mayonnaise, die er nun wie ein Zweihänderschwert umherhievte, schreiend auf den Boden direkt vor ihm zu entleeren. Da hatte ich mich bereits von dem Schauspiel abgewandt und war in Richtung Bahn gegangen, um ins Atelier zu fahren, wo ich manchmal auch schreien möchte, es aber nicht tue.