• Fr, 1.3.2024

    PRIORITÄTEN IM MOMENT

    Indem ich mich dem Gehen verweigere, verweigere ich mich auch der Landschaft. In jedem Grashalm eine tödliche Gleichheit. Der Hass auf das Bekannte. No more, not today.

    An der S-Bahn-Haltestelle Hansaring irrt ein junger Afrikaner mit einer großen Tragetasche umher und fragt nach „Buchforst“, wohin ihn wohl die Person am anderen Ende des Telefons, das er immer wieder kurz vom Ohr nimmt um mit der physischen Welt zu sprechen, lotsen will. Aber keiner scheint ihm helfen zu können, oder zu wollen. Kann doch nicht so schwer sein, denk ich, und schaue auf den ausgehängten Plan. Da steht es doch: S6, Buchforst, drei Stationen von hier, 9 Minuten. Ich zeigs ihm.
    Keine drei Minuten später kommt eine Frau auf mich zu, auf dem Handy die Bahn-App geöffnet, und sie fragt mich, wie sie in die Bismarckstrasse kommt. Obwohl ihr die Bahn-App ziemlich genau zeigt, wie sie dorthin kommt, kann sie aus den Grafiken von Abfolgen, Zeiten und Nummern keine Information ziehen. Zuerst bin ich irritiert—es steht doch alles da—dann aber erkenne ich diese Situationen wieder: Momente der Wirrheit, obwohl alles, was man braucht, direkt vor einem liegt. Liegt in der Genauigkeit dieser Angaben eine Verschwörung?

    Danach wiederum kommt ein junger Mann auf mich zu, mit dem Satz „Sie kennen sich anscheinend hier aus“… nee, eigentlich nicht, gucke nur hin—und auch er fragt mich nach einer Bahnverbindung, und ob diese wegen einer Baustelle an dieser Haltestelle unterbrochen sei. Wir stehen zusammen vor dem Kasten mit den Plänen. Da hängt der Zettel, ja, unterbrochen, aber nur bis 28.2., also gestern. Auch er hatte eigentlich alle Informationen direkt vor sich.

  • Fr, 23.2.2024

    BLUE SKIES NECROMANCER

    Keine bloße Fürsorgeerzählung ist das Hellblau, das sich da hinten, über den Dächern der fernen Häuser erhebt. Die Wolken darin so richtig van Ruysdael, blaugraue Schatten, langgezogen, Baguettes aus Watte, aber von links her, da deutet sich schon die Sonne an, mit metallischem Strahlen. Vögel, einzelne, mehrere, fliegen ihr jetzt entgegen, und dann verschwinden sie aus meinem Sichtfeld. Das ist doch wahrscheinlich die Übung hier, jeden Morgen, wenn ich will: wie meine Aufmerksamkeit eins ist mit ihren Inhalten. Die Aktivität meines Körpers, die Summe organischen Engagements mit diesem Moment, wie einem Licht und Schatten und Farbe im Sichtfeld begegnen, allerlei weitere Formen der Gegenständlichkeit, Gedanken, Gefühle, wie lange und stark sie bleiben, was folgt auf das Vorherige, und all die geschieht im Raum der Aufmerksamkeit, dessen Wände man niemals sieht, weil sie eben nicht Ichwände sind.
    Und ganz außen, am Rande dieses Raumes, liegt diese merkwürdige Ahnung, dass sich diese Dinge in Summe nach mehr anfühlen als einem ICH. Dieses Ich, so kommt es mir vor und darum bin ich sicher, ist nur ein weiterer Umriss in einer unklaren Ganzheit. Ist es also vermessen, wenn ich wirklich versuchen will, Kunst zu machen, die eben nicht nur Ichkunst sein soll. Denke nicht.

    Die Literatur zB bietet—vielleicht in Analogie für diese Ahnung, vielleicht für die exakt selbe—die Idee einer Pluralität der Ichs, der Selbste an. So wäre jedes Ich als Pluraletantum zu verstehen. Proust: daß jeder von uns nicht ein einziger, sondern eine Unzahl von Personen ist, (die nicht den gleichen moralischen Wert besitzen )(…)

    Noch ein schöner Satz zum Ich-Thema aus Nate Wests Ästhetik der Erniedrigung: Mein vergangenes Ich, das nicht mehr ganz da ist und doch nicht als verschwunden gelten kann, bleibt der ewige Leibeigene meines vergangenen und zukünftigen Ichs und letzteres wird niemals aufhören, unter dem Despotismus seiner Vorgänger zu leiden.



  • Di, 13.2.2024

    SUMPFBLUME

    Berlin, von hier aus betrachtet. Donnerstagabend tauschte man über den Tisch im L’Eustache hinweg den Eindruck aus: die Stadt wirkt seltsam leer. Aber ist sie es auch? Freitagabend, zur besten Sendezeit, fahre ich einmal quer durch, an den Bahnsteigen wenig los, die Wagen wie verlassen, und fast niemand steigt hinzu. Wo sind denn alle hin. Tagsüber, rund um den Alexanderplatz, waren doch scheinbar noch alle da, war alles wie immer.

    Der Himmel, diese Wüste über Berlin, fällt mir erst einen Tag später auf, als ich Richtung Bülowstrasse unterwegs bin, wo in einer Mulde die umgebaute Tankstelle von Juerg Juedin steht, der da nicht mehr wohnt, sondern seine George-Grosz-Sammlung zeigt. Als ich den Ausstellungsraum betrete, merke ich sofort, in freudiger Vorahnung: fuck, ich muss hier alles fotografieren. Ultragut gelaunt verlasse ich diesen schönen Ort, der an einem hässlichen Ort steht.

    Martin meinte Samstag zu mir, nach dem Mittagessen bei Ishin, mein Verhältnis zur Kunst sei „romantisch“. Kann sein, hab ich gesagt, ob ich jedoch dieses Wort wählen würde, bezweifle ich. Zu dem Zeitpunkt wunderte ich mich über die Sinnlosigkeit Berlin-Mittes, mit seinen ewig übersäuerten Kaffees. Aber was war mit der Kunst? Ich glaube an sie. Sie muss nicht an mich glauben im Gegenzug. Sagen wir so: das Buch der Kunst liegt bei mir immer aufgeschlagen herum.

    Gewidmet der schönsten Frau Berlins.