EST. 1961
Eine rote Digitalanzeige, direkt vor mir, ich notiere die Zahl, die dort zu sehen ist, ohne überhaupt zu wissen, was sie bedeutet. 7457. Vertrauen in die nachgelagerte Erkenntnis. Zuerst muss ich die Maschinen betrachten. In ehemals reinweiße Plastikverschalungen gehüllt, extrem japanisch, alt und für immer futuristisch gleichzeitig, abgerundete weiche Kanten, fast kindisch wirkende große Soft-Buttons. Diese Maschinen haben die Klobigkeit von Bau-Maschinerie, wirken schwer und unhandlich, und sie muten an, als seien sie direkt aus der Kantine der Nostromo hergebracht worden. Es sind Maschinen der Firma SUZUMO—Rice Ball Robots, Nigiri Maker, Nori Roller und Maki Cutter.
Vorher: die Friedrichstraße hoch, ein paar hundert Meter, dabei wie durch fünf Wetterzonen, Lichtzonen. the sky like a slot machine.
Am Bankautomat der Spezialbank, fluche ich in die Automatenzelle rein, ich kann immer nur mindestens 50 Euro abheben, ich bin aber durchaus ein Freund der Kleinstbetragabhebung, und der Teppich da, der glotzt mich auch an, du Sau, du Sauteppich. Es ist der Hunger. Ungeduld. Würde ich bei Ishin—um diese Zeit auch noch, high noon—überhaupt einen Platz bekommen? Auch andere Fragen mischen sich mit rein, pressen sich noch mit rein in diese brüchige Momentlaune wie in eine prallvolle U-Bahn:
h a s s e ich die sog. zeitgenössische Kunst, je mehr ich mich mit ihr beschäftige? Was ist Berlin, formal? Warum denke ich so, wie ich denke? OK, albern jetzt, erstmal was essen.
Zum ersten Mal weist man mir also bei Ishin einen Platz an der Theke zu. Es ist packed. Zum ersten Mal den Saal im Rücken, wohin schaut man dann? Natürlich nach vorne, genau in die Zone, die man Küche nennt, aber der Begriff kommt mir hier unpassend vor. Ishin zur Mittagszeit ist eine Dampflok, die ständig befeuert werden muss, und hier stehen, hier schau ich den Heizern bei der Arbeit zu. Sie kreuzen sich, schauen sich an, formen Mulden in ihren Bewegungen, wo der andere eine Wölbung bildet. Alle, die direkt mit der Zubereitung der Essen befasst sind, sind asian of some variety, und mir fällt ein, bezogen auf diese spezielle Küchensituation mag gelten: white men can’t jump.
Ich esse so flott es geht, will den Platz nicht zu lange blockieren, ich will, dass Ishin weiter gedeiht, die ganzen Journalisten hier schön ihr Geldchen auf die Tische segeln lassen, damit das Ballett aus glänzendem Rohfisch und den schönen kleinen, skulpturalen Styroporbehältern weitergeht, den Männern und Frauen in den Ishin-Shirts, den Sushi-Maschinen.
Ich notiere den aktuellen Zeigerstand, verlasse den Laden bei Nigiri Unit 7676, neue Zeitrechnung.