MATADORIN DER MATERIE
Der Surrealismus in der Bildenden Kunst ist eine Angelegenheit, deren externe Umstände mich mehr interessieren, als seine internen Erzeugnisse. Das fiel mir gestern wieder auf, als ich unter breiter Sonne in gelbem Gelenkbus dahinfuhr, Richtung Charlottenburger Schloss. Im ehemaligen Ägyptischen Museum Berlins befindet sich eine Art outpost der Nationalgalerie, die Sammlung Gerstenberg. Hauptsächlich Surrealismus, viel Max Ernst (zu dem ich eine Haltung habe wie zum Surrealismus generell), aber auch, und das fand ich dann wiederum gut: eine kleine Linie hin, zurück, zu früheren Ideen von, nennen wir es, imaginiertem Realismus, Goya, Manet. Verblüfft war ich ob der Wirkung, die eine Reihe von großen Piranesi-Radierungen auf mich ausübte (aus . Sie zeigten imaginierte, dabei extrem detaillierte Kerker/Gewölbe/Dungeon-artige Szenarios, manchmal mit Figuren, in Vorhölle-Limbo, die Häupter gesenkt in ewiger Damnation, in Ketten, an Pfählen, vor Gruben in denen Bestien warten, oder aber diese Radierungen waren bloße Darstellung von, ja, liminal spaces, Psychoräumen bzw. Psychogewölben. Durch die stramme Schwarzweiss-Optik verlieh das dem ganzen nochmal einen Push hin in Richtung Pathos, aus heutiger Sicht könnte man sagen, auch extrem nah an einer Campness. Ich fühlte mich sehr immersiviert, von ein bisschen Druckerfarbe auf 300 Jahre altem Papier. Die Materie, das Material von Kunst ist vielleicht immer noch der Faktor, den die Digitalität noch nicht überholt hat?
