• freitag, 4.8.2023

    EST. 1961

    Eine rote Digitalanzeige, direkt vor mir, ich notiere die Zahl, die dort zu sehen ist, ohne überhaupt zu wissen, was sie bedeutet. 7457. Vertrauen in die nachgelagerte Erkenntnis. Zuerst muss ich die Maschinen betrachten. In ehemals reinweiße Plastikverschalungen gehüllt, extrem japanisch, alt und für immer futuristisch gleichzeitig, abgerundete weiche Kanten, fast kindisch wirkende große Soft-Buttons. Diese Maschinen haben die Klobigkeit von Bau-Maschinerie, wirken schwer und unhandlich, und sie muten an, als seien sie direkt aus der Kantine der Nostromo hergebracht worden. Es sind Maschinen der Firma SUZUMO—Rice Ball Robots, Nigiri Maker, Nori Roller und Maki Cutter.

    Vorher: die Friedrichstraße hoch, ein paar hundert Meter, dabei wie durch fünf Wetterzonen, Lichtzonen. the sky like a slot machine.
    Am Bankautomat der Spezialbank, fluche ich in die Automatenzelle rein, ich kann immer nur mindestens 50 Euro abheben, ich bin aber durchaus ein Freund der Kleinstbetragabhebung, und der Teppich da, der glotzt mich auch an, du Sau, du Sauteppich. Es ist der Hunger. Ungeduld. Würde ich bei Ishin—um diese Zeit auch noch, high noon—überhaupt einen Platz bekommen? Auch andere Fragen mischen sich mit rein, pressen sich noch mit rein in diese brüchige Momentlaune wie in eine prallvolle U-Bahn:
    h a s s e ich die sog. zeitgenössische Kunst, je mehr ich mich mit ihr beschäftige? Was ist Berlin, formal? Warum denke ich so, wie ich denke? OK, albern jetzt, erstmal was essen.

    Zum ersten Mal weist man mir also bei Ishin einen Platz an der Theke zu. Es ist packed. Zum ersten Mal den Saal im Rücken, wohin schaut man dann? Natürlich nach vorne, genau in die Zone, die man Küche nennt, aber der Begriff kommt mir hier unpassend vor. Ishin zur Mittagszeit ist eine Dampflok, die ständig befeuert werden muss, und hier stehen, hier schau ich den Heizern bei der Arbeit zu. Sie kreuzen sich, schauen sich an, formen Mulden in ihren Bewegungen, wo der andere eine Wölbung bildet. Alle, die direkt mit der Zubereitung der Essen befasst sind, sind asian of some variety, und mir fällt ein, bezogen auf diese spezielle Küchensituation mag gelten: white men can’t jump.

    Ich esse so flott es geht, will den Platz nicht zu lange blockieren, ich will, dass Ishin weiter gedeiht, die ganzen Journalisten hier schön ihr Geldchen auf die Tische segeln lassen, damit das Ballett aus glänzendem Rohfisch und den schönen kleinen, skulpturalen Styroporbehältern weitergeht, den Männern und Frauen in den Ishin-Shirts, den Sushi-Maschinen.
    Ich notiere den aktuellen Zeigerstand, verlasse den Laden bei Nigiri Unit 7676, neue Zeitrechnung.

  • mittwoch, 2.8.2023

    WIR FAHREN DURCH

    7:21h. Irgendwie—und warum, das ist ja eigentlich niemals richtig klar, aber von wie hinter einem, von ganz hinten her kommt eine Vorahnung, eine mehr oder weniger konkrete Information, aus dem hoffentlich nicht ständig sendenden Strom des Bewusstseins und seiner Inhhalte, d.h. ständig sendend ja wohl doch, aber nicht ständig ernst genommen—wusste ich schon Montag, dass die FedEx-Person am Dienstag nicht erscheinen würde, um das Paket für Zürich abzuholen. Kam auch nicht. Also wieder Gelegenheit, einzuüben, was wirklich stets dringlicher wird: shrug it off, und was anderes machen. Wenn man mal ganz ernsthaft, also in möglichst voller Konsequenz darüber nachdenkt, was man selbst alles nicht in der Hand hat, kontrollieren kann, beeinflussen kann, wird einem kurz schwindelig.

    ICHI AUCHI

    Jetzt aber sitze ich im Zug. Um dorthin zu gelangen, erhellte mir um 5:49 Uhr ein Morgenhimmel in den leuchtenden und ultrakünstlichen Farben eines isotonischen Sportgetränks den Weg. Powerade Morning Blast, Croissant Flavor. Im Abteil: Teenagermädchen haben die Schuhe aus und ihre Girlfüßchen stecken in weißen Sportsöckchen. Jetzt dösen sie bereits, über die Tische vor ihnen hingestreckt wie Trinker bei Toulouse-Lautrec. Es ist nicht ihre Uhrzeit.
    Am Gleis eben traf ich Lenny, nawasmachstdudennhier, und er zeigte auf seine zwei berucksackten Compadres, das seien seine Leute von der Linksjugend, und sie fahren jetzt nach Prora. Auch deswegen habe ich beste Laune. Findet mich das Glück?

    Exit Left

  • dienstag, 25.7.2023

    I HAVE NO ENEMIES BUT MY FRIENDS DON’T LIKE ME

    Musik—ich vergesse immer wieder, welche Wirkung sie haben kann, wie sie sich einrichten kann in einem, Schaden repariert, RUHE schafft, oder ist das sogar Ordnung?
    Nicht nur im Moment des Hörens selbst, sondern auch in ihrer akuten Abwesenheit, quasi—ja, long-covid-mässig. Ihre Partikel setzen sich im Innern ab. Jetzt bin ich also förmlich süchtig nach der Musik von Morton Feldman. Wie konnte ich das je nicht hören—aber die Antwort ist die, dass bestimmte Musik erst bestimmte Vorraussetzungen braucht, die man durch Training schafft. Und erst dann spült sie sich von selbst an unserer Küste an.

    Ein kleiner Vor-Herbst zieht durch das Rheinland. E. am Telefon, gestern: Man wird immer alleiner, und dann stirbt man.

    Nix Barbie.