• Donnerstag, 31.8.2023

    ACCOUTREMENTS

    Hier fiel eben, zwei Reihen hinter mir, der Name meines sog. Heimatorts, aus dem Dialog zweier Greisinnen heraus, von der einer einmal die Sehne in der rechten Schulter operativ durchtrennt… und wir stoppen hier gerade in sunny Duisburg, auf dem Weg nach Berlin, nachdem wir bereits 50 Minuten von Köln bis Düsseldorf gebraucht haben, es bleibt also abzuwarten, welche Groteske sich hier noch ausformt, courtesy of Deutsche Bahn. Sollte mein No-problem-streak heute enden?
    „Unser nächster Halt: Gelsenkirchen“. Hat der ernsthaft gesagt. Was ist denn hier los? Silbern liegt die Emscher. Flieder und Raps wachsen üppig über stillgelegte Gleisbetten. Die italienische Frau heute Morgen bei Segafredo sang einen italienischen Popsong mit, während sie die Milchkanne handelte. 9:53h.

    Brice Marden hat nie mich nie richtig interessiert. Für mich bleibt er immer der „Ultra-stumpf“ Typ, wegen des Interviews zwischen Rainald und Albert Oehlen. Und Jasper Johns lebt noch.

  • montag, 28.8.2023

    PRINTMAKERS

    Neulich kehrte ich morgens am Ebertplatz—einfach weil ich dachte: nee, so geht das hier nicht, so kann ich das nicht lassen—einen ganzen Haufen zerschmetterter Bierflaschen zusammen, Spuren fast jeder Ebertplatznacht und ihrer agierenden Kaputtos, die über das Areal direkt vor dem COPY SHOP verteilt waren. Besonders war daran, dass die beachtlichen Blutlachen, über die ich die Scherben hinwegkehrte, und die ziemlich frisch eingetrocknet waren, auf dem von der Stadt neulich mit dem Hochdruckgerät gereinigten Steinplatten besonders blutmässig martialisch und problemviertelmässig aufleuchteten, so dass ich bisschen lachen musste, weil der Effekt der Drastik so lächerlich war, diese Deutlichkeit der Blutflecken, wie inszeniert. Printed with blood, but not my own.

    Aus Denis Johnson’s Reportagen-Buch Seek (2001), drogeninduziert, panisch, zertrommelt auf einem Hippie-Festival in Oregon:
    „Those are some serious drums.“
    Anything you say sounds like the understatement of the century.
    But to get hyperbolic at all would be to hint dreadfully at the truth that no hyperbole whatsoever is possible—that is, it’s hopelessly impossible to exaggerate the unprecedented impact of those drums.
    And the sinister, amused, helpless, defeated, worshipful, ecstatic, awed, snide, reeling, happy, criminal, resigned, insinuating tone of the message of those drums. Above all we don’t wish to make the grave error of hinting at the truth of those drums and then, perhaps, give way to panic. Panic at the ultimateness—panic at the fact that in those drums, and with those drums, and before those drums, and above all BECAUSE of those drums, the world is ending. THAT one is one we don’t want to touch—the apocalypse all around us. These concepts are wound up inside the word „serious“ like the rubber bands packed explosively inside a golf ball.

    The Manhattan Review Of Art.


  • freitag, 4.8.2023

    EST. 1961

    Eine rote Digitalanzeige, direkt vor mir, ich notiere die Zahl, die dort zu sehen ist, ohne überhaupt zu wissen, was sie bedeutet. 7457. Vertrauen in die nachgelagerte Erkenntnis. Zuerst muss ich die Maschinen betrachten. In ehemals reinweiße Plastikverschalungen gehüllt, extrem japanisch, alt und für immer futuristisch gleichzeitig, abgerundete weiche Kanten, fast kindisch wirkende große Soft-Buttons. Diese Maschinen haben die Klobigkeit von Bau-Maschinerie, wirken schwer und unhandlich, und sie muten an, als seien sie direkt aus der Kantine der Nostromo hergebracht worden. Es sind Maschinen der Firma SUZUMO—Rice Ball Robots, Nigiri Maker, Nori Roller und Maki Cutter.

    Vorher: die Friedrichstraße hoch, ein paar hundert Meter, dabei wie durch fünf Wetterzonen, Lichtzonen. the sky like a slot machine.
    Am Bankautomat der Spezialbank, fluche ich in die Automatenzelle rein, ich kann immer nur mindestens 50 Euro abheben, ich bin aber durchaus ein Freund der Kleinstbetragabhebung, und der Teppich da, der glotzt mich auch an, du Sau, du Sauteppich. Es ist der Hunger. Ungeduld. Würde ich bei Ishin—um diese Zeit auch noch, high noon—überhaupt einen Platz bekommen? Auch andere Fragen mischen sich mit rein, pressen sich noch mit rein in diese brüchige Momentlaune wie in eine prallvolle U-Bahn:
    h a s s e ich die sog. zeitgenössische Kunst, je mehr ich mich mit ihr beschäftige? Was ist Berlin, formal? Warum denke ich so, wie ich denke? OK, albern jetzt, erstmal was essen.

    Zum ersten Mal weist man mir also bei Ishin einen Platz an der Theke zu. Es ist packed. Zum ersten Mal den Saal im Rücken, wohin schaut man dann? Natürlich nach vorne, genau in die Zone, die man Küche nennt, aber der Begriff kommt mir hier unpassend vor. Ishin zur Mittagszeit ist eine Dampflok, die ständig befeuert werden muss, und hier stehen, hier schau ich den Heizern bei der Arbeit zu. Sie kreuzen sich, schauen sich an, formen Mulden in ihren Bewegungen, wo der andere eine Wölbung bildet. Alle, die direkt mit der Zubereitung der Essen befasst sind, sind asian of some variety, und mir fällt ein, bezogen auf diese spezielle Küchensituation mag gelten: white men can’t jump.

    Ich esse so flott es geht, will den Platz nicht zu lange blockieren, ich will, dass Ishin weiter gedeiht, die ganzen Journalisten hier schön ihr Geldchen auf die Tische segeln lassen, damit das Ballett aus glänzendem Rohfisch und den schönen kleinen, skulpturalen Styroporbehältern weitergeht, den Männern und Frauen in den Ishin-Shirts, den Sushi-Maschinen.
    Ich notiere den aktuellen Zeigerstand, verlasse den Laden bei Nigiri Unit 7676, neue Zeitrechnung.