• Montag, 3.7.2023

    NOTAT AM VIRGINAL

    Freitagabend, beim Rausgehen aus dem KG, das Konzert von Jeff Parker war gerade zu Ende gegangen, die Instrumente standen und lagen jetzt unbemannt und unbelebt da, nur von violettem Licht großzügig angestrichen, lehnte da auf einmal Pippolito der Babyfather an der Türe, in einem Mauve-Hemd, und ich meine auch, er hatte seinen Arm irgendwie so lässig… aber man wollte ja möglichst schnell jetzt mal eben an die kühle Luft nach draußen, vor die Türe—hast du Zigaretten? Nee ich hab aufgehört—wo es schon dunkel geworden war, echte Nacht.
    Draußen sprachen wir darüber, wie das ist, dieses merkwürdige, aber für die Kunst (und vielleicht für alles) nicht unerhebliche Mangelgefühl, den eigenen IDEEN erstmal nicht zu trauen, ihnen Minderwertigkeit fast aggressiv anzuhängen. Woher kommt das. Ich war immer der Meinung, dass es zu einem großen Teil mit der Erziehung und auch der Klasse zu tun hat. Jedenfalls eher als eher nicht. Wenn von AUSSEN nicht bloß Lob und Ermutigung kommt, so situativ wie mit dem Salzstreuer, sondern wenn dem so eine gewisse Ernsthaftigkeit und Konstruktivität zugegeben ist, die eine GESUNDE Form von Selbstverständnis loskeimen lässt, den eigenen Ideen gegenüber. Leute wie ich müssen sich das über den Umweg anderer Künstler etwas beschwerlich anlernen. Das hat dann auch zur Folge, dass man sich von diesen verdächtigen Formen des Selbstbewusstseins nicht so geblendet und überrumpelt fühlt, und etwas straighter durchblicken kann, zum sog. WERK.

    Der erkaltete Brennnesseltee hat eines der schönsten Grüns, die ich kenne. Ein translucent Grüngelb, fast gülden schimmert es im Licht. Wer macht mir Nettle Green in Tuben.

  • Mittwoch, 28.6.2023

    POWERHORSE PELIGROSA

    Mehrmals die Woche gehe ich mittlerweile am selben lonely Crackraucher-Typ vorbei, der, schon die Folie erhitzend, auf der Treppe hoch zur Linie 3/4 sitzt. Es ist schon SEIN Platz. So schmerzhaft klein die Stadt. Seine gebräunte Haut im Nacken, vom U-Bahn-Bunkerlicht ins Grünliche beleuchtet, ist bereits mit Vorfreudeschweiß benetzt, das sehe ich im Vorbeigehen, wenn ich auf ihn herabschaue, möglichst viele Details aufzunehmen aus diesem tableau realisme. Er sitzt da immer ganz einsam und konzentriert sein basales Werkzeug befingernd, Bibliothekstyle. Ab Phase Irgendwann nimmt man Drogen nicht mehr „mit Freunden ein“. Mit Freude vielleicht auch nicht. Das alles vor 12 Uhr. Manchmal macht es mir gute Laune, ein andern Mal will ich die ganze Stadt brennen sehen. Draußen, an der Oberfläche, geht ein kühlender Wind. Er bläst die Hitze der letzten Woche aus allen Furchen der Stadt.

    Wenn ich im Atelier Powerschlaf mache (15-25 Minuten), liege ich fast direkt auf dem Steinboden. Nur eine gefaltete Luftpolsterfolie und zwei dünne Iso-Matten, die ich mal auf der Straße gefunden hatte, zwischen mir und dem Stein. Wenn es wie gestern läuft, ist es am Schönsten: kaum liege ich—das Gehirn hat bereits wenige Sekunden vorher auf den entsprechenden Modus umgestellt—und kaum habe ich die Augen geschlossen, spüre ich die Müdigkeit in ihrer Erhörung, spüre ich eine Leichtigkeit in den Kopf strömen, um dann, mit dem ganzen Körper, wie eine viskose Flüssigkeit in den Untergrund zu sickern, oder was immer dort sein mag, und mich davon ganz aufnehmen zu lassen. Dann ist die Zeit verschwunden, bis der Wecker am Telefon klingelt.

    Angeregt durch und in den Salzweißen Augen von Dath lesen. Wirklich angeregt, weil ich merke, wie es mich denkmässig anspringen lässt, es ist auch einfach so VIEL, was er in die Sätze zu packen und zu berücksichtigen versucht, was mich dann auch wiederum stellenweise in so einen Zustand der (An)Spannung bringt, weil ich mir nicht sicher bin, ob er, Dath, den Pfeil dann auch abschießt, für mich, den er so trainiert und sehnig erst aus dem Köcher zieht und einlegt. Er denkt aus dem richtig großen Bottich heraus, und das ist selten und gut, speziell jetzt, denke ich leider dazu, in den späten späten 2016s.

  • Freitag, 23.6.2023

    CATASTROPHIC IMPLOSION

    Irgendwas mit U-Booten. Dann änderte sich das Wetter, und es war, als zogen nicht die Wolken über der Landschaft hinweg, sondern als würden wir mit unserer Landschaft durch einen Parcours gezogen, eine Geisterbahn mit dunkelgrauen Tunneln, und dann durch dichte und stürmische Schleier aus Regen. Ich liebe den Farbkontrast des Baumgrüns, das sich von dem pulverigen Anthrazit der Gewitterwolken abhebt, wie das Licht die Sattheit dieser Farben herauspowert. Schon als Kind habe ich das gerne angesehen, damals wusste ich aber noch nicht so genau, warum. Weiß ich es heute?

    Später am Abend, ich war rechtzeitig nicht im Sessel eingenickt, ging ich zu Martins Ausstellung hinüber, Martin, den ich noch nicht persönlich kannte, sondern nur vom „Insta“ her, durchs Gucken von Bildchen, durch bisschen schreiben. Seinen schokobraunen Minidackel hatte er nicht dabei. Er hatte da eine schöne Arbeit, einen aus Harz oder anderem Kunststoff gegossenen Dornenzweig, zwei Meter hoch, auf dem an der Seite ein Aufkleber klebte, der mich in seinem Design an Motorradklamotten erinnerte, an so Motorraddesign, bold und so irgendwie 90er-Jahre-mässig verhaftet.

    There is a
    White
    That never goes out