• sonntag, 9.7.2023

    NO ID NO BEER

    Im Stahlwerk.
    Die Hitze treibt mich aus der Wohnung, leider auch aus dem Atelier nachmittags. Wohin also?

    Sie haben
    ein Guthaben
    von

    We don’t like what stands in place. We don’t like what is sustainable. We don’t like what is form. Und, ein bisschen später: forms are not opposed to life.
    Finde ich deshalb interessant, weil scheinbar für viele irgendwie gilt:
    Form = Unfreiheit, Form = Nicht-Demokratie, Form = Todbringend. Halte ich für völlig verirrt. Kornbluh verwendet den Begriff der „anarcho-vitalistischen Tendenz“, die mehr oder weniger implizit hat die Annahme, dass nur Formlosigkeit eine Entsprechung für Freiheit sein kann. Sie argumentiert dagegen, und ich stimme, bis hierhin, zu.

    Hier liegt grade ein Rhodesian Ridgeback vor mir. Er hat das kurze und dichte Fell eines Pferdes, und auch den Körperbau. Das sieht man, wenn sich das Licht auf seinen Flanken verfängt, in langen Linien, die wie Flussläufe aussehen.

  • freitag, 7.7.2023

    PIANO AND STRING QUARTET

    Sattestes Ultramarin der Himmel. Völlig flach und eben, keine Wolke, kein Fleck, nichts, ein einziger riesiger Wert an Farbe, und man kann das Rot fast flirren sehen, wenn man tief genug ins Blau schaut.
    Im August-Sander-Park gehe ich vorbei an zwei Dohlen oder Krähen, die im großen Schatten der Fresenius-Wirtschaftsschule zusammen auf den Kadaver eines kleinen Vogels einhacken. Nicht zusammen, ich korrigiere, denn jetzt faucht der eine den anderen an, sein schwarzer Schnabel in der schwarzen Figur weit offen, und ich kann in das dunkelrosane Innere des Vogels sehen.

    Bin auf interessante Texte der Akademikerin Anna Kornbluh gestossen, ich weiß schon gar nicht mehr wie, wie es halt so kommt, wie diese Lachse da, die beim Sprung stromaufwärts in den Fängen der Grizzlies landen, MANCHMAL. Kornbluh ist einerseits Literaturwissenschaftlerin, und andererseits befasst sie sich mit den—zum Teil unfreiwilligen—Allianzen Capitalism, Marxism/Kritische Theorie, Ästhetik (FORM). Super Themen finde ich. Besonders die paar Essays hier, die mit der Idee von Form und Formen von „Realismus“ im Speziellen zu tun haben, will ich mir noch geben, da freu ich mich drauf wie auf die Schokolade Zartbitter/Meersalz.

  • Montag, 3.7.2023

    NOTAT AM VIRGINAL

    Freitagabend, beim Rausgehen aus dem KG, das Konzert von Jeff Parker war gerade zu Ende gegangen, die Instrumente standen und lagen jetzt unbemannt und unbelebt da, nur von violettem Licht großzügig angestrichen, lehnte da auf einmal Pippolito der Babyfather an der Türe, in einem Mauve-Hemd, und ich meine auch, er hatte seinen Arm irgendwie so lässig… aber man wollte ja möglichst schnell jetzt mal eben an die kühle Luft nach draußen, vor die Türe—hast du Zigaretten? Nee ich hab aufgehört—wo es schon dunkel geworden war, echte Nacht.
    Draußen sprachen wir darüber, wie das ist, dieses merkwürdige, aber für die Kunst (und vielleicht für alles) nicht unerhebliche Mangelgefühl, den eigenen IDEEN erstmal nicht zu trauen, ihnen Minderwertigkeit fast aggressiv anzuhängen. Woher kommt das. Ich war immer der Meinung, dass es zu einem großen Teil mit der Erziehung und auch der Klasse zu tun hat. Jedenfalls eher als eher nicht. Wenn von AUSSEN nicht bloß Lob und Ermutigung kommt, so situativ wie mit dem Salzstreuer, sondern wenn dem so eine gewisse Ernsthaftigkeit und Konstruktivität zugegeben ist, die eine GESUNDE Form von Selbstverständnis loskeimen lässt, den eigenen Ideen gegenüber. Leute wie ich müssen sich das über den Umweg anderer Künstler etwas beschwerlich anlernen. Das hat dann auch zur Folge, dass man sich von diesen verdächtigen Formen des Selbstbewusstseins nicht so geblendet und überrumpelt fühlt, und etwas straighter durchblicken kann, zum sog. WERK.

    Der erkaltete Brennnesseltee hat eines der schönsten Grüns, die ich kenne. Ein translucent Grüngelb, fast gülden schimmert es im Licht. Wer macht mir Nettle Green in Tuben.