• DIENStag, 6.6.2023

    ZLATANS TRÄNEN

    Because when you put down a mark and you put down another mark, something is happening in the spaces between those several marks or movements. Philip Guston

    War das die crazy Tramplerin, deren Lustgestöhne mich aus dem noch jungen Schlaf holte, und mich auf diese nicht unangenehme Art in den Zustand von Wachheit bugsierte, den ich als „einzellerhaft“ beschreiben würde? Da lieg ich dann da, die Augen sinnlos auf, und alles ist dunkelblaues Licht und mit kommt die komische Vorstellung, in Hanna-Barbera-Studios-Optik, wie die Tramplerin sich fußstampfenderweise einen Dildo einführt, und dann dreh ich mich auf die Seite und schlafe wieder ein.

    Sentimental werd ich, wenn Männer in Fußballstadien zu weinen anfangen. Auch ich bekomme feuchte Augen. Ich weiß nicht genau, was das ist, aber es ist irgendwie lustig. Selbst Zlatan ging der Arsch auf Grundeis, als das San Siro für ihn sang, ihn besang, Zlatan Ibrahimovic, und die Kamera fing Dutzende weitere Männer ein, stiernackige, volltätowierte, vapende und Kinder tragende, die ebenfalls mit nassen Äuglein dastanden, vor lauter emotions nicht wussten, was sie mit ihren Händen machen sollten, also fingen sie zu klatschten an, und dann war da wieder Zlatan im Bild, jetzt in Nahaufnahme, und sein Unterkiefer bebte, mit Coolness war jetzt nix mehr, und da spürte ich die Träne in meinem Auge.

    Samstag die Beobachtung, wie FEUER immer noch ein sehr hohes standing genießt, wenn es darum geht, Kinder in den Bann zu ziehen. Egal ob Lenny, mit 14, oder Jule, mit 9: sobald sie einmal ein trockenes Büschel Gras in die ausklingende Glut geworfen hatten, und sahen, welch dichter, plastischer Rauch in all seiner windenden Eleganz sich da aus dem Glutherd schraubte, waren sie hooked. Für die nächsten zwei Stunden gab es nichts anderes mehr, als Dinge ins Feuer zu werfen oder kleine Fackeln zu bauen. Besonders Jule baute, wie ich fand, sorgfältig konzipierte Fackeln, obwohl sie auf Nachfrage hin vehement bestritt, jemals vorher feuerbesessen gewesen zu sein.
    Dieses humans at play/Feuer-Ende betrachtete ich als eine interessante Wendung, denn am Anfang, ein paar Stunden vorher, unterhielt ich mich noch mit dem 14jährigen, der in der Linksjugend aktiv ist, über sein Ärgernis, nicht wählen zu dürfen, und wir fragten uns, ob nicht die Wählerschaft zu jeder Wahl an demografische Realitäten gekoppelt werden sollte, oder ob das nicht zumindest möglich wäre? Und nun war dieser außergewöhnliche 14jährige wieder ganz Kind und kokelte—berechtigterweise—herum.

  • Montag, 29.5.2023

    „ER SPRAYT, ABER LEGAL“

    Die Körperzeit beginnt, deadass. Die Menschen legen die Kleidung ab, werden jetzt zu nackteren shapes and forms, anatomische Eigentlichkeit, Haut und Impulse. Man geht an stinkenden oder frisch gewaschenen Körpern vorbei. What is a landscape?

    Mit angenehm kühlem Wind im Nacken geh ich zu meiner neuen Eisdiele, jetzt schon drei Mal innert vier Tagen. Gestern bekam ich, zum testen, eine kleine Schippe von dem Heidelbeereis zu meiner Kugel. Puh, es war leider zu gut, ich muss mich ein bisschen zusammenreissen mit dem Eisessen, mit der Sorte Heidelbeere jetzt vor allem.

    Fernande Oliviers „Picasso und seine Freunde“ hat mich die Tage beschäftigt, als kleine Pause zu Malcolm Lowry und René Halkett, in dem ich jetzt wieder lese und deswegen Teilzeit im Deutschland der 1920er Jahre verbringe. Was beide Bücher verbindet, ist die lebendige Vermittlung von interessanten Details, von Aspekten des Alltags und Umgangs, die in der größeren Spanne historisierender Texte meist zugunsten des big picture weichen müssen. Das Buch von Olivier hab ich auf eine Art getrunken, wie einen neuen Drink, dessen Aroma man sich für eine kurze Zeit gerne ergibt. Außerdem natürlich der Umstand dieser fast übertriebenen Dichte der Konstellation dieser Maler da, wie komisch mir das vorkam dann beim Lesen, all diese historischen Figuren verteilt in einem überschaubaren Radius um den Bateau Lavoir. Schöne Sätze wie: Deutsche von seltsamem Aussehen kamen zu Picasso. Ich bekam durch das Buch und die Beschreibungen auch so eine Lust aufs Zeichnen, auf die Rustikalität von Tinte und Kohle, auf die Power der zweiten Dimension. Wie das alles so funktioniert—ich hoffe, es bleibt ein Rätsel.

  • Samstag, 15.4.2023

    DA MÜSSEN WIR EINEN NEUEN QR-CODE ZUSENDEN

    Kaum war ich in die U-Bahn eingestiegen, bemerkte ich, wie mir die Lippen leicht brannten. Wie vom Sommer. Oder wie von früher, von den Gletschern, Schnee wie weißes Glas überall.
    Im Buchladen blätterte ich in dem schönen grünen Dath-Buch, irgendwas mit Verb. Darin ein langes Interview mit Platthaus. Ich fliege so drüber, und sehe direkt, an den Worten, die dort benutzt werden, an den Referenzen usw, dass das eine komplett andere Welt ist. Ist interessant, das zu lesen, aber ich komme, glaube ich, von ganz woanders, kann einiges beim besten Willen nicht verstehen. Würde aber gerne. Auch ein bisschen erschütternd, dieses Gefühl. Das kommt ja auch von der Tiefe der Dath-Welt, um die man weiß. Sonst würde ich diese Erschütterung ja ständig spüren, bei dem anderen Zeug. Habe ich aber nicht. Im Buchladen liegen die deutschen Bücher auf einer gesonderten Insel, no pun intended. Da kann man immer direkt so schön vergleichen, mit der Restwelt, und sich so einen Mitteleindruck verschaffen, wie es in Deutschland so aussieht, covermässig, themenmässig, designmässig, manchmal auch erster-Satz-mässig. Peter Stamm hat ein Portrait in Öl auf dem Cover, das ihn selbst zeigt. Naja.
    Scheint so, als würde mich die Philip-Roth-Biografie von Blake Bailey am meisten interessieren, wenn ich danach ginge, was ich am entschiedensten einfach in die Hand nehme.

    ob das Neue so wirkt,
    wie das Bisherige früher,
    in seinem eigenen früheren Heute. —

    und speaking of Rainald Goetz. Am Telefon mit Marc äußerte ich, auch, glaube ich, vor mir selbst zum ersten Mal so richtig, ein Gefühl von Redundanz, wegen des Absoluter Idealismus-Textes. Gegen Gegenwart kommt man nicht an, und sie ist ein guter Ratgeber, gegen alles Alte, gegen alles Neue, gegen einen selbst und für einen selbst.