• Mittwoch, 28.6.2023

    POWERHORSE PELIGROSA

    Mehrmals die Woche gehe ich mittlerweile am selben lonely Crackraucher-Typ vorbei, der, schon die Folie erhitzend, auf der Treppe hoch zur Linie 3/4 sitzt. Es ist schon SEIN Platz. So schmerzhaft klein die Stadt. Seine gebräunte Haut im Nacken, vom U-Bahn-Bunkerlicht ins Grünliche beleuchtet, ist bereits mit Vorfreudeschweiß benetzt, das sehe ich im Vorbeigehen, wenn ich auf ihn herabschaue, möglichst viele Details aufzunehmen aus diesem tableau realisme. Er sitzt da immer ganz einsam und konzentriert sein basales Werkzeug befingernd, Bibliothekstyle. Ab Phase Irgendwann nimmt man Drogen nicht mehr „mit Freunden ein“. Mit Freude vielleicht auch nicht. Das alles vor 12 Uhr. Manchmal macht es mir gute Laune, ein andern Mal will ich die ganze Stadt brennen sehen. Draußen, an der Oberfläche, geht ein kühlender Wind. Er bläst die Hitze der letzten Woche aus allen Furchen der Stadt.

    Wenn ich im Atelier Powerschlaf mache (15-25 Minuten), liege ich fast direkt auf dem Steinboden. Nur eine gefaltete Luftpolsterfolie und zwei dünne Iso-Matten, die ich mal auf der Straße gefunden hatte, zwischen mir und dem Stein. Wenn es wie gestern läuft, ist es am Schönsten: kaum liege ich—das Gehirn hat bereits wenige Sekunden vorher auf den entsprechenden Modus umgestellt—und kaum habe ich die Augen geschlossen, spüre ich die Müdigkeit in ihrer Erhörung, spüre ich eine Leichtigkeit in den Kopf strömen, um dann, mit dem ganzen Körper, wie eine viskose Flüssigkeit in den Untergrund zu sickern, oder was immer dort sein mag, und mich davon ganz aufnehmen zu lassen. Dann ist die Zeit verschwunden, bis der Wecker am Telefon klingelt.

    Angeregt durch und in den Salzweißen Augen von Dath lesen. Wirklich angeregt, weil ich merke, wie es mich denkmässig anspringen lässt, es ist auch einfach so VIEL, was er in die Sätze zu packen und zu berücksichtigen versucht, was mich dann auch wiederum stellenweise in so einen Zustand der (An)Spannung bringt, weil ich mir nicht sicher bin, ob er, Dath, den Pfeil dann auch abschießt, für mich, den er so trainiert und sehnig erst aus dem Köcher zieht und einlegt. Er denkt aus dem richtig großen Bottich heraus, und das ist selten und gut, speziell jetzt, denke ich leider dazu, in den späten späten 2016s.

  • Freitag, 23.6.2023

    CATASTROPHIC IMPLOSION

    Irgendwas mit U-Booten. Dann änderte sich das Wetter, und es war, als zogen nicht die Wolken über der Landschaft hinweg, sondern als würden wir mit unserer Landschaft durch einen Parcours gezogen, eine Geisterbahn mit dunkelgrauen Tunneln, und dann durch dichte und stürmische Schleier aus Regen. Ich liebe den Farbkontrast des Baumgrüns, das sich von dem pulverigen Anthrazit der Gewitterwolken abhebt, wie das Licht die Sattheit dieser Farben herauspowert. Schon als Kind habe ich das gerne angesehen, damals wusste ich aber noch nicht so genau, warum. Weiß ich es heute?

    Später am Abend, ich war rechtzeitig nicht im Sessel eingenickt, ging ich zu Martins Ausstellung hinüber, Martin, den ich noch nicht persönlich kannte, sondern nur vom „Insta“ her, durchs Gucken von Bildchen, durch bisschen schreiben. Seinen schokobraunen Minidackel hatte er nicht dabei. Er hatte da eine schöne Arbeit, einen aus Harz oder anderem Kunststoff gegossenen Dornenzweig, zwei Meter hoch, auf dem an der Seite ein Aufkleber klebte, der mich in seinem Design an Motorradklamotten erinnerte, an so Motorraddesign, bold und so irgendwie 90er-Jahre-mässig verhaftet.

    There is a
    White
    That never goes out

  • Mittwoch, 21.6.2023

    DAY STUDIO

    Früh wach. Schon um halb Acht morgens ist die Sonne heiß und voll wie am Nachmittag. Alle Fenster auf, in der Hoffnung, ein Durchzug entsteht. Der Teppich unter den Füßen fühlt sich pervers an, wenn es so heiß ist.

    Samstag war ich wieder kurz davor, zumindest in Gedanken, alles aufzugeben. Das absolute Desinteresse an meiner Arbeit empfinde ich als die langsamste Form von Mord. Murder at a glacier’s speed. Sonntag dann waren zwei Bilder in Zürich verkauft, und ich bekam—wie die Leute sagen—Hoffnung. Gestern bekam ich die Nachricht, die Käufer sind abgesprungen. Das sind Zweieinhalbtausend Euro haben oder nichthaben. Nichthaben in diesem Falle. Also keine Linderung, die für etwa drei Monate anhielte, sondern wieder die ewige Kante, der ewige Rand. Schwierig, die Selbstachtung zu bewahren. Das Pistazieneis ist auch sehr gut.

    Eben das Cézanne-Buch aufgeschlagen, das ich nie aufschlage. Irgendwo. Da sagt Cézanne: Meine Methode, ich habe nie eine andere gehabt, ist der Haß gegen die Phantasiegebilde. Ich möchte erzdumm sein. Meine Methode, mein Gesetzbuch ist Realismus. (…)
    Ein Waffenbruder also, stand hier die ganze Zeit schon, unbemerkt, in meinem Regal, auf das die Junisonne scheint, heiß und voll.