• FREITAG, 16.6.2023

    MYSTERIER

    In meiner Vorstellung ziemlich gut: ein Film-Feature-Wochenende, jeweils ein Film, Freitagabend, Samstagabend, Sonntagabend.
    Die Filme: Picnic At Hanging Rock, Heavenly Creatures und The Virgin Suicides. Einen schönen Titel dafür hätte ich auch: MÄDCHEN.

  • MITTWOCH, 14.6.2023

    VENDEDORA DE FRUTAS

    …stellt das Handy aus und fängt an zu blättern und zu lesen.

    Hitze werde ich nie so richtig lernen. Sie senkt sich in die Bucht und kauert hier im Gebälk, mich lähmend, starr und offensichtlich wie eine Australian Huntsman-Spinne. Stattdessen, to reiterate:
    Was unerträglich ist, hält man lange aus; und: Man kann das Schreckliche nicht glauben, bis zum Schluss. Und wandere ich doch durchs finstere Tal, mis compañeros se llaman Pistazie, Heidelbeere, Wiener Mandel. Was macht wohl der Mauersegler von neulich? Die Reiterin, sie schreibt mir nicht mehr. Hat sie mich schon wieder vergessen? Es macht Spaß, sich im Wechsel mit ihr Namen für Rennpferde auszudenken. Ich fand, ich hatte einen sehr guten neulich: Andromeda Boulevard. Warum schreibt sie denn nicht?

    Schöne Postkarten aus Berlin sind gekommen, das riesige Sargent-Buch ist gekommen. Bekomme ein Foto zugesandt über Whatsapp, wie es da liegt, auf dem Counter des Buchladens, Lady Agnew im Sessel. Von hinter der Folie schaut sie einen an, und auf der dünnen Folie ein Lichtreflex, eine Form, white-out, brennend weiß, wie die Sonne am Himmel selbst. Eine betrübliche Konstante weiterhin: die Hässlichkeit deutscher Bücher des 21. Jahrhunderts. Der Gewinner ist diesmal das neue Arno Geiger-Buch, a product of KiWi. Mir stockt der Atem, echt wahr. Es ist wirklich ALLES möglich in dieser Welt. In relation to all things.

    Durch das Halkett-Buch, ja und nicht zuletzt durch das super lebendige Fernande Olivier-Buch über Picasso, war mir ein hundertjähriger Schleier über die Mulden der Wahrnehmung gehangen, angenehm, ganz und gar un-raunig. Ich fühlte mich auf gewisse basics, auf eine anregende Rustikalität hingelenkt, die wiederum—Überraschung—den transaktionalen Grobianismus der Gegenwart freilegt.

    Interne Beobachtung und Schlimmheit: der immer gleiche Drall des Scheiterns, der Selbstabscheu, des latenten Todeswunsches und der Erstickungsgefahr durch REINE GEGENWART. Das funktioniert nach Assoziationsaffekten. Steh ich in der gekachelten Normalohölle der U-Bahnstation Friesenplatz, vorbei an den vormittäglichen Heroinrauchern und ihren blauschimmernden Alufolien, neben den immer mehr werdenden Irren, Stinkenden und Deformierten, denk ich: maybe that’s MY crowd, MY people, maybe I BELONG. Und dieses ganze Rumgestehe in der Kachelhalle, in stiller Gemeinschaft und Zustimmung, ist das Aufnahmeritual in den Kreis der Ihrigen, Niederwurf und Annexion, mit einem Schwert aus Zigaretten.

  • DIENStag, 6.6.2023

    ZLATANS TRÄNEN

    Because when you put down a mark and you put down another mark, something is happening in the spaces between those several marks or movements. Philip Guston

    War das die crazy Tramplerin, deren Lustgestöhne mich aus dem noch jungen Schlaf holte, und mich auf diese nicht unangenehme Art in den Zustand von Wachheit bugsierte, den ich als „einzellerhaft“ beschreiben würde? Da lieg ich dann da, die Augen sinnlos auf, und alles ist dunkelblaues Licht und mit kommt die komische Vorstellung, in Hanna-Barbera-Studios-Optik, wie die Tramplerin sich fußstampfenderweise einen Dildo einführt, und dann dreh ich mich auf die Seite und schlafe wieder ein.

    Sentimental werd ich, wenn Männer in Fußballstadien zu weinen anfangen. Auch ich bekomme feuchte Augen. Ich weiß nicht genau, was das ist, aber es ist irgendwie lustig. Selbst Zlatan ging der Arsch auf Grundeis, als das San Siro für ihn sang, ihn besang, Zlatan Ibrahimovic, und die Kamera fing Dutzende weitere Männer ein, stiernackige, volltätowierte, vapende und Kinder tragende, die ebenfalls mit nassen Äuglein dastanden, vor lauter emotions nicht wussten, was sie mit ihren Händen machen sollten, also fingen sie zu klatschten an, und dann war da wieder Zlatan im Bild, jetzt in Nahaufnahme, und sein Unterkiefer bebte, mit Coolness war jetzt nix mehr, und da spürte ich die Träne in meinem Auge.

    Samstag die Beobachtung, wie FEUER immer noch ein sehr hohes standing genießt, wenn es darum geht, Kinder in den Bann zu ziehen. Egal ob Lenny, mit 14, oder Jule, mit 9: sobald sie einmal ein trockenes Büschel Gras in die ausklingende Glut geworfen hatten, und sahen, welch dichter, plastischer Rauch in all seiner windenden Eleganz sich da aus dem Glutherd schraubte, waren sie hooked. Für die nächsten zwei Stunden gab es nichts anderes mehr, als Dinge ins Feuer zu werfen oder kleine Fackeln zu bauen. Besonders Jule baute, wie ich fand, sorgfältig konzipierte Fackeln, obwohl sie auf Nachfrage hin vehement bestritt, jemals vorher feuerbesessen gewesen zu sein.
    Dieses humans at play/Feuer-Ende betrachtete ich als eine interessante Wendung, denn am Anfang, ein paar Stunden vorher, unterhielt ich mich noch mit dem 14jährigen, der in der Linksjugend aktiv ist, über sein Ärgernis, nicht wählen zu dürfen, und wir fragten uns, ob nicht die Wählerschaft zu jeder Wahl an demografische Realitäten gekoppelt werden sollte, oder ob das nicht zumindest möglich wäre? Und nun war dieser außergewöhnliche 14jährige wieder ganz Kind und kokelte—berechtigterweise—herum.