Dienstag, 21.3.2023
OUT OF A FOG
Freitagabend, noch kurz vor dem Frühling, ins Museum: Ursula—Das bin ich. Na und?
“Sie zählt zu den bedeutenden deutschen Künstlerinnen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts”, so der Text des Museums. Ist das so? Soll man so in diese Ausstellung hineingehen, mit dieser Ansage als Priming, oder soll man es so verstehen, dass diese Ausstellung uns als Besucher, sobald die letzte Leinwand und die letzte Skulptur betrachtet und erfahren wurde, automatisch entlässt in diese historische Einordnung? Wahrscheinlich nochmal anders. Ein bisschen toter als das. Zu Luhmann hingeneigt, müsste man diese Ansage als eine spezifische Form des Texts, der Sprache aus dem System der Kunst- und Museumswelt auffassen. So schreibt man halt da. Aber hey, let’s fool around, lass ein bisschen fummeln, da unter dem Kirschbaum.
Wie ließe sich z.B. diese “Bedeutsamkeit” bemessen, auch über das System der Kunstgeschichte- und Zuschreibung und seinen impliziten Vereinfachungen hinaus? Ob etwas bedeutsam ist, lässt sich vielleicht am ehesten (aber nicht nur) an der Art, dem Umfang vielleicht, einer Einflussnahme auf das Folgende feststellen. Auf folgende Generationen von Künstlern, auf ästhetischen Ideen und Konzepte, auf folgende ZEITGEISTER. Kaum etwas so unvorhersehbar als das, was Menschen, Gesellschaften zu diesem speziellen, geheimnisvollen Gewebe, dem Zeitgeist, konstruieren, oder anders: was sich als der Zeitgeist offenbart, gleich einer Figur, die aus dem dichten Nebel heraus tritt.* Der Zeitgeist blickt gleichzeitig in verschiedene, oft gegenüberliegende Richtungen. Und was sich in dieser Unvorhersehbarkeit behaupten kann, das möchte man “einflussreich” nennen.
Während also gegen halb Acht abends vorne, podiumswärts, die hochoffiziellen und an die Anwesenden gerichteten Absichten für diese Ausstellung im Speziellen und jede Ausstellung im Allgemeinen in die gut besuchte, offene Architektur von Busmann + Haberer hallen, im Sinne des Auftrags der Institution und den sog. Fragen der Zeit, seufzt eine Greisin hinter mir, an einen Stehtisch gelehnt, kurz auf und lässt Dr. Erika Fuchs-mässig ein “schwafel schwafel” feist über den Tisch in meine Richtung segeln. Ich mag ja freche Frauen.
Später, als ich mich mit dem Galeristen durch die Menge an Besuchern und der Bilder der Ursula durchgearbeitet hatte, suchte ich kurz die Umgebung nach der Greisin ab. Ich hätte da gerne sofort erfahren von ihr, wie sie das jetzt hier fand, und ob ihre Erfahrung irgendetwas mit dem gesprochenen Text, den wir zusammen gehört hatten, zu tun hatte.
*der amerikanische Maler R.H. Gammell (1882-1981), Künstler und später Lehrer der Boston School, hatte einen Lehrsatz für den Impressionist approach: “Paint as if you were coming out of a fog”