• Montag, 29.5.2023

    „ER SPRAYT, ABER LEGAL“

    Die Körperzeit beginnt, deadass. Die Menschen legen die Kleidung ab, werden jetzt zu nackteren shapes and forms, anatomische Eigentlichkeit, Haut und Impulse. Man geht an stinkenden oder frisch gewaschenen Körpern vorbei. What is a landscape?

    Mit angenehm kühlem Wind im Nacken geh ich zu meiner neuen Eisdiele, jetzt schon drei Mal innert vier Tagen. Gestern bekam ich, zum testen, eine kleine Schippe von dem Heidelbeereis zu meiner Kugel. Puh, es war leider zu gut, ich muss mich ein bisschen zusammenreissen mit dem Eisessen, mit der Sorte Heidelbeere jetzt vor allem.

    Fernande Oliviers „Picasso und seine Freunde“ hat mich die Tage beschäftigt, als kleine Pause zu Malcolm Lowry und René Halkett, in dem ich jetzt wieder lese und deswegen Teilzeit im Deutschland der 1920er Jahre verbringe. Was beide Bücher verbindet, ist die lebendige Vermittlung von interessanten Details, von Aspekten des Alltags und Umgangs, die in der größeren Spanne historisierender Texte meist zugunsten des big picture weichen müssen. Das Buch von Olivier hab ich auf eine Art getrunken, wie einen neuen Drink, dessen Aroma man sich für eine kurze Zeit gerne ergibt. Außerdem natürlich der Umstand dieser fast übertriebenen Dichte der Konstellation dieser Maler da, wie komisch mir das vorkam dann beim Lesen, all diese historischen Figuren verteilt in einem überschaubaren Radius um den Bateau Lavoir. Schöne Sätze wie: Deutsche von seltsamem Aussehen kamen zu Picasso. Ich bekam durch das Buch und die Beschreibungen auch so eine Lust aufs Zeichnen, auf die Rustikalität von Tinte und Kohle, auf die Power der zweiten Dimension. Wie das alles so funktioniert—ich hoffe, es bleibt ein Rätsel.

  • Samstag, 15.4.2023

    DA MÜSSEN WIR EINEN NEUEN QR-CODE ZUSENDEN

    Kaum war ich in die U-Bahn eingestiegen, bemerkte ich, wie mir die Lippen leicht brannten. Wie vom Sommer. Oder wie von früher, von den Gletschern, Schnee wie weißes Glas überall.
    Im Buchladen blätterte ich in dem schönen grünen Dath-Buch, irgendwas mit Verb. Darin ein langes Interview mit Platthaus. Ich fliege so drüber, und sehe direkt, an den Worten, die dort benutzt werden, an den Referenzen usw, dass das eine komplett andere Welt ist. Ist interessant, das zu lesen, aber ich komme, glaube ich, von ganz woanders, kann einiges beim besten Willen nicht verstehen. Würde aber gerne. Auch ein bisschen erschütternd, dieses Gefühl. Das kommt ja auch von der Tiefe der Dath-Welt, um die man weiß. Sonst würde ich diese Erschütterung ja ständig spüren, bei dem anderen Zeug. Habe ich aber nicht. Im Buchladen liegen die deutschen Bücher auf einer gesonderten Insel, no pun intended. Da kann man immer direkt so schön vergleichen, mit der Restwelt, und sich so einen Mitteleindruck verschaffen, wie es in Deutschland so aussieht, covermässig, themenmässig, designmässig, manchmal auch erster-Satz-mässig. Peter Stamm hat ein Portrait in Öl auf dem Cover, das ihn selbst zeigt. Naja.
    Scheint so, als würde mich die Philip-Roth-Biografie von Blake Bailey am meisten interessieren, wenn ich danach ginge, was ich am entschiedensten einfach in die Hand nehme.

    ob das Neue so wirkt,
    wie das Bisherige früher,
    in seinem eigenen früheren Heute. —

    und speaking of Rainald Goetz. Am Telefon mit Marc äußerte ich, auch, glaube ich, vor mir selbst zum ersten Mal so richtig, ein Gefühl von Redundanz, wegen des Absoluter Idealismus-Textes. Gegen Gegenwart kommt man nicht an, und sie ist ein guter Ratgeber, gegen alles Alte, gegen alles Neue, gegen einen selbst und für einen selbst.

  • Montag, 10.4.2023

    IN IT FOR THE LONG GAME oder SIEG ÜBER FedEx

    Der Widerspruch, für den findet die Natur ganz—entschuldigung—natürliche Formen. Es scheint die Sonne auf mein Bett, ein warmes gelbes Trapez, aber es weht kühl herein, durchs Fenster. Das ist schon funny. Funny wie funny, nicht wie seltsam. Besonders dann, wenn man in einer Laune ist, in der man meint, das einen alles nichts angeht. Vor allem das, was mit dem eigenen Leben zu tun hat. Ich habe keinen Begriff dafür. Nennen andere das Buddhismus? Oder das Dieffenbach-Syndrom? Es ist so scheißegal. Was anderes: die Tage tragen schon mehr Blau in die Nacht herüber.
    Gestern ging ich mit meiner Mutter, nachdem wir gegessen hatten, etwas am Rhein spazieren. Kleine Runde. Das Licht und die Luft, Frühling stülpt sich live über den Winter. Als wir schon wieder auf dem Rückweg waren, fragte sie mich, ob wir uns kurz auf die Bank da setzen wollen? Das fand ich süß von ihr. Zwei, drei Minuten, mehr nicht. Ich schaute aufs Wasser und musste an die Aquarelle von Sargent und Zorn denken, wie sie da das Wasser so hinbekommen, und wie irre das immer wieder ist, festzustellen, wie schlecht man…

    Kurze Zeit vorher, bevor wir aßen und ich spazieren ging, streichelte und kraulte ich der Nachbarshündin Mara den Kopf, den sie auf die bauchhohe Mauer gelegt hatte, und ein kräftiger beam von Sonnenlicht erwärmte ihr schwarzes dichtes Fell, während ich mit den Fingern durchfuhr.
    Wäre ein guter Zeitpunkt gewesen, zu denken: self-expression puts no truth in beauty. Darum ist es gut, dass mich self-expression nicht interessiert. Ich ordne nur neu an. Aus einer Laune heraus, in der man meint, das einen alles nichts angeht.