• Samstag, 8.4.2023

    SHAPEWELDING

    “Aus dem Nichts heraus”—so heißt es doch, so sagt man manchmal. Seltsam redundant kommt es mir dann vor, so wie jetzt eben, als ich an etwas denken musste, und dabei komischerweise auch dachte, wie aus dem Nichts das jetzt gekommen war, dieser Gedanke. Um die Gedanken geht es jedoch dabei gar nicht so sehr. Eher darum, wie konkret diese sind, mysteriös genau und angefüllt. Born on the 4th of July verge of the eye. Ein Gedanke an einen Moment, eine Mitte, aus dem ewigen Strom eines Davor und Danach.
    Ich musste an einen Wintermorgen denken, keinen bestimmten, nur ein Wintermorgen, ein Median. Keine Erinnerung, ein Gedanke. Aber musste ich wirklich?

    Es war noch in der alten Wohnung. Mir fiel eine Art von Ruhe ein, die mir der Blick durch das große Fenster, auf eine von leichtem Schneefall weiß und weich abstrahierte Landschaft als solche übersetzte. A truth of general aspect

    Can you cut it with the impressionist remarks, sagt Patrick Bateman

    Ok, sorry

    Und dabei wollen alle Frühling jetzt. Auch ich.

  • Sonntag, 2.4.2023

    HARUOMO UND KAZUHIKO

    Mittwoch Abend fand ich mich mit anderen Leuten, Künstlern, Sammlern, Funktionären der hiesigen sog. Kulturbranche, in einem japanischen Restaurant wieder, das eigens für uns zu einer “Geschlossenen Gesellschaft” deklariert worden war. Durch das Fenster sah ich das japanische Personal unsere Ankunft erwarten, wie einen Endgegner. Ich rauchte vor der Türe noch 1 Parisienne und roch an der Modrigkeit der warmen Abendluft. Dämonen?
    Vorher, in der Galerie, wurde ein Kunstfilm über eine Lepra-Kolonie gezeigt. Ich sah ihn nicht­­­, war mir doch das Gürteltier erst in den letzten Wochen so ans Herz gewachsen, dass mir nun nicht nach Anti-Gürteltier-Propaganda war.

    Im Innern des Restaurants entfaltete es sich dann…anders als ich es mir vorgestellt hatte. Ich fragte mich zwischendurch, warum ich hier war, oder warum man mich eingeladen hatte. Dann unterließ ich diese Gedanken, und aß Sashimi und Sushi, und mir gegenüber saß Kaoli, eine japanische Künstlerin aus Düsseldorf, die ich noch nicht persönlich kannte, und schon wenig später, nachdem ich ihr zwei oder dreimal “1cm Wein”, wie sie sich , mit Vorsicht gemahnenden Hähnchen in der Luft wedelnd, ausdrückte, nachgeschenkt hatte (”Alkoholdehydrogenase”, so mein internes Internet. Biologie-Leistungskurs bei Frau B., Abitur mit einer 2+ in der Abi-Klausur. Meine beste Bio-Klausur ever. Dafür schrieb ich ausgerechnet im Englisch-LK, meinem absolutem Paradefach, die schlechteste Englischklausur meiner Gymnasiallaufbahn im Abitur. Bis heute glaube ich, dass Frau G., meine eigentlich tolle Englischlehrerin, mir mit dieser Benotung einen eher erzieherischen Effekt mitgeben wollte. Eigentlich konnte ich nie akzeptieren, dass diese Klausur so schlecht gewesen sein konnte, und so benahm ich mich auch. Richtig so.), fragte ich Kaoli, ob sie Haruomo Hosono kenne, denn den hatte ich, mich vielleicht instinktiv auf den Abend vorbereitend, am Vormittag noch laut zuhause gehört, und Kazuhiko Yamahira. Kaolis Augen blühten über den blauen Tellern rohen Fischs auf wie Chrysanthemen, und sie reichte mir die Hand und von da an waren wir Schwestern für ein paar Stunden.

  • Dienstag, 21.3.2023

    OUT OF A FOG

    Freitagabend, noch kurz vor dem Frühling, ins Museum: Ursula—Das bin ich. Na und?
    “Sie zählt zu den be­deu­ten­­den deutschen Kün­st­­ler­in­­nen der zweit­en Hälfte des 20. Jahrhun­derts”, so der Text des Museums. Ist das so? Soll man so in diese Ausstellung hineingehen, mit dieser Ansage als Priming, oder soll man es so verstehen, dass diese Ausstellung uns als Besucher, sobald die letzte Leinwand und die letzte Skulptur betrachtet und erfahren wurde, automatisch entlässt in diese historische Einordnung? Wahrscheinlich nochmal anders. Ein bisschen toter als das. Zu Luhmann hingeneigt, müsste man diese Ansage als eine spezifische Form des Texts, der Sprache aus dem System der Kunst- und Museumswelt auffassen. So schreibt man halt da. Aber hey, let’s fool around, lass ein bisschen fummeln, da unter dem Kirschbaum.
    Wie ließe sich z.B. diese “Bedeutsamkeit” bemessen, auch über das System der Kunstgeschichte- und Zuschreibung und seinen impliziten Vereinfachungen hinaus? Ob etwas bedeutsam ist, lässt sich vielleicht am ehesten (aber nicht nur) an der Art, dem Umfang vielleicht, einer Einflussnahme auf das Folgende feststellen. Auf folgende Generationen von Künstlern, auf ästhetischen Ideen und Konzepte, auf folgende ZEITGEISTER. Kaum etwas so unvorhersehbar als das, was Menschen, Gesellschaften zu diesem speziellen, geheimnisvollen Gewebe, dem Zeitgeist, konstruieren, oder anders: was sich als der Zeitgeist offenbart, gleich einer Figur, die aus dem dichten Nebel heraus tritt.* Der Zeitgeist blickt gleichzeitig in verschiedene, oft gegenüberliegende Richtungen. Und was sich in dieser Unvorhersehbarkeit behaupten kann, das möchte man “einflussreich” nennen.

    Während also gegen halb Acht abends vorne, podiumswärts, die hochoffiziellen und an die Anwesenden gerichteten Absichten für diese Ausstellung im Speziellen und jede Ausstellung im Allgemeinen in die gut besuchte, offene Architektur von Busmann + Haberer hallen, im Sinne des Auftrags der Institution und den sog. Fragen der Zeit, seufzt eine Greisin hinter mir, an einen Stehtisch gelehnt, kurz auf und lässt Dr. Erika Fuchs-mässig ein “schwafel schwafel” feist über den Tisch in meine Richtung segeln. Ich mag ja freche Frauen.
    Später, als ich mich mit dem Galeristen durch die Menge an Besuchern und der Bilder der Ursula durchgearbeitet hatte, suchte ich kurz die Umgebung nach der Greisin ab. Ich hätte da gerne sofort erfahren von ihr, wie sie das jetzt hier fand, und ob ihre Erfahrung irgendetwas mit dem gesprochenen Text, den wir zusammen gehört hatten, zu tun hatte.

    *der amerikanische Maler R.H. Gammell (1882-1981), Künstler und später Lehrer der Boston School, hatte einen Lehrsatz für den Impressionist approach: “Paint as if you were coming out of a fog”