• Sonntag, 26.2.2023

    WÜNSCH ICH MIR BERG UND HÜGEL AUF DEN RÜCKEN

    Gerrit Bartels schreibt im Tagesspiegel, über die Rainald Goetz-Xtravaganzza am Wissenschaftskolleg Berlin. Weil Goetz im Vortrag sagt, die ganze Ukraine-Sache habe ihn, Goetz, (sinngemäß) an 1914 erinnert, an die bemerkenswerte “Bereitschaft zum Krieg”, und er sich nun hatte vorstellen können, wie es vielleicht gewesen war, “im August 1914”, da ist Bartels “irritiert”. Bartels meint aber nicht Irritation im klassischen Sinne. Bartels benutzt das Wort hier im Sinne eines neuen, feincodierten Updates: er ist irritiert für eine unbestimmte, schweigende Mehrheit. Bartels will jetzt, das spürt man, wachrütteln. Bartels stellt daraufhin die Gretchen-Frage: “Wirklich?” (“did he just say that?”), um dann fortzufahren: “An dieser Stelle hat sich Rainald Goetz doch arg verhoben, was für ein Quatsch das”. Was für ein Quatsch DAS. Ich persönlich hätte es super gefunden, wenn Herr Bartels noch hingeschrieben hätte, WARUM er findet, dass das Quatsch sei. Es gibt Journalisten, die können das nämlich, und machen das auch. Ich finde sogar, es ist seine Pflicht, es hinzuschreiben. Auf dem einen Foto dann Rainald, ganz cute und so langsam looking his age, mit Flasche Bier im Hähnchen.

    Außerdem habe ich, glaube ich, für mich beschlossen, dass Leute, die ständig von “Faschismus” reden, nicht ernst zu nehmen sind, und deshalb auch so zu behandeln sind. Warum? Ist einfach so das.

  • Donnerstag, 23.2.2023

    EATING SPIDERS

    Zurück, zurück und wieder unter dem Vulkan.
    Kaufte dem Buchhändler zum Geburtstag Spinnenchrysanthemen bei einem dieser Blumenläden, die sich in der Fußgängerzone als kleiner Pavillion aufbauen. Auf halbem Weg sah ich, dass deren Blätter schon halb verwelkt und grau herabhingen. Ich ging weiter und ZERDACHTE komplett meine Enttäuschung, mein Reklamierrecht, meinen Widerstand. Resultat war somit der komplett unerotische Verlust von sieben Euro. Anstatt sie also umzutauschen ging ich all the way. Aber in die falsche Richtung. Lerne ich nur so, oder was?

    Auch das Buch, das ich über abebooks bestellt hatte, war nicht das, das ich anhand des Fotos gekauft haben wollte. Ich wollte schon genau das, mit dem Cover, wie es auf dem Foto war. Bekommen hab ich eine andere Ausgabe. Jetzt kann ich ja zeigen, was ich aus der Blumenstory gelernt habe.

  • Sonntag, 19.2.2023

    HAB NOCH EINEN AUSWEIS IN BERLIN

    Regen, mehr geschleudert als fallend, verwandelte die Stadt ab Freitag in graue Substanz. Alles wurde Stein, und der Stein war schlecht gelaunt. Der Himmel war gar nicht erst erschienen und die Gebäude, berlinerisch verstimmt, wirkten auch nochmal mehr voneinander abgerückt, da am Kulturforum. Russland wähnte man nun gleich ums Eck. Nicht schlimm. Gut gelaunt schritt ich über Pfützen und Splitt, der da merkwürdijerweise überall auf dem Vorplatz gestreut war, aber während ich ein paar Mal in meinem Kopf das Wort “Rollsplitt” so hitlermäßig zum Klingen brachte, war ich auch schon drin, in der Kunstbibliothek.

    Nun wusste ich ja, was kommt. Ich musste mich ganz uncool machen mit dem Satz “Bin zum ersten Mal hier” und war auch sehr neugierig, wie hier wohl die Unterschiede sind zum Museumsbibliothek-Prozedere in Köln. Ich würde sagen: ein bisschen umständlicher. Zum einen braucht man in Berlin selbst für das Betreten und Sichten vor Ort einen Bibliotheksausweis. In Köln nicht. Auch nimmt Berlin schon für einen Scan 5 Cent. So wird Berlin wieder reich und sexy.
    Der berlinernde Mann, der da grade Aufsicht hatte, war aber ganz lieb zu mir, und ich zu ihm, und so wies er mich ein in diese Angelegenheiten, und hielt mir, sozusagen, sogar noch das Hähnchen, als meine erste Bestellung per Computer daneben ging. Aber dann ging’s.

    Gestern wehte mich der Wind dann nach der Kantstraße. Von dort aus ging ich zu Hetzler, diesmal Goethestraße, um mir die Kippenberger-Ausstellung anzuschauen. Ich glaube eigentlich, daß ich von Kippi schon alles gesehen habe, was es zu sehen gibt, und nicht ortsbedingt installiert ist. Und doch—auch gestern war ich kurz wieder ergriffen. Sein Humor, seine Komik ist die andere Seite einer Tragik, klar. Zutiefst allein unter Vielen. Ich glaube, ich glaube zu wissen: das war Kippenberger. Hose runter, Leberzirrhose, Krebsbaracke. Dann noch in die Fasanenstraße zu Isa Genzken, 1970 ff.
    Im KaDeWe vertrieb ich mir danach die Zeit. Kaufte einen kleinen Spitzer.
    Der Kampa-Verlag hat Virginia Woolf’s “A Room Of One’s Own” ein Powerful-Stunning-Brave-Feminismus-Cover verpasst, drei Frauenfäuste (mit rotlackierten Nägeln) in die Höhe gereckt, in drei verschiedenen Hauttönen, im über-ubiquitären Illustrationslook, der schon bald älter aussehen wird als Leni Riefenstahl in ihrem Taucher-Film, Musik Giorgio Moroder.