Mittwoch, 8.2.2023
NAUTISCHER ABEND
Gegen kurz nach 18 Uhr, also nach dieser immer etwas anstrengenden Zeit des frühen Dunkelwerdens, sah ich, vom Plateau der S-Bahn-Station aus, ganz weit hinten, in der Flucht der Straße, die wie ein gedehntes Band sich hinzog, den herrlich sonnigen Tag in reinem Orange abtauchen, auf dass er ein Abend werde. Als hätte ich es noch nie gesehen, immer neu wie neu. Leute auf dem Bahnsteig versuchten Fotos zu machen, zogen und schoben mit den Fingern auf den Touchscreens der Telefone Parameter zurecht, dass die eigene Wahrnehmung die der datensensiblen Linse überschreibe. Sie alle wollen erinnern, was sie sehen, nicht, was die Technik weiß.
Mit dem Orange kehrt die erste Ahnung einer wärmeren Zeit ins Bewusstsein zurück. Man sagt Hallöchen, still. Auf dem Orange sitzt fett und riesig und zufrieden Blau, das jedoch auch schon wärmer abstrahlt, als das Blau noch vor zwei Wochen, schon leicht rot informiert, vom Orange her. Light Stage Welt, auch ohne die Lichtorgel TimeCode.
Am Hauptbahnhof steigen zahlreich hinzu die Mädchen des Matrosen, Damen und Kindertanzcorps Blau-Weiß-Troisdorf von 1971, wie es hinten auf ihren Fleece-Jacken steht, manche tuscheln zu dritt, andere stehen allein und haben klobige Telefone in der Hand. Ihre Augen haben sie dramatisch blau geschminkt, mit Glitzer auf den Lidern, die Haare eng anliegend am Kopf festgezurrt, mit Klammern befestigt, und eigentlich sehen sie aus wie Synchronschwimmerinnen, nur dass diese Mädchen hier reden, und jeder weiß, daß Synchronschwimmerinnen niemals reden. Für den nativen oder zugezogenen Rheinländer einer von vielen sich häufenden Hinweisen, dass der Straßenkarneval sich nähert. Meine Flucht ist schon geplant.