Sonntag, 19.2.2023
HAB NOCH EINEN AUSWEIS IN BERLIN
Regen, mehr geschleudert als fallend, verwandelte die Stadt ab Freitag in graue Substanz. Alles wurde Stein, und der Stein war schlecht gelaunt. Der Himmel war gar nicht erst erschienen und die Gebäude, berlinerisch verstimmt, wirkten auch nochmal mehr voneinander abgerückt, da am Kulturforum. Russland wähnte man nun gleich ums Eck. Nicht schlimm. Gut gelaunt schritt ich über Pfützen und Splitt, der da merkwürdijerweise überall auf dem Vorplatz gestreut war, aber während ich ein paar Mal in meinem Kopf das Wort “Rollsplitt” so hitlermäßig zum Klingen brachte, war ich auch schon drin, in der Kunstbibliothek.
Nun wusste ich ja, was kommt. Ich musste mich ganz uncool machen mit dem Satz “Bin zum ersten Mal hier” und war auch sehr neugierig, wie hier wohl die Unterschiede sind zum Museumsbibliothek-Prozedere in Köln. Ich würde sagen: ein bisschen umständlicher. Zum einen braucht man in Berlin selbst für das Betreten und Sichten vor Ort einen Bibliotheksausweis. In Köln nicht. Auch nimmt Berlin schon für einen Scan 5 Cent. So wird Berlin wieder reich und sexy.
Der berlinernde Mann, der da grade Aufsicht hatte, war aber ganz lieb zu mir, und ich zu ihm, und so wies er mich ein in diese Angelegenheiten, und hielt mir, sozusagen, sogar noch das Hähnchen, als meine erste Bestellung per Computer daneben ging. Aber dann ging’s.
Gestern wehte mich der Wind dann nach der Kantstraße. Von dort aus ging ich zu Hetzler, diesmal Goethestraße, um mir die Kippenberger-Ausstellung anzuschauen. Ich glaube eigentlich, daß ich von Kippi schon alles gesehen habe, was es zu sehen gibt, und nicht ortsbedingt installiert ist. Und doch—auch gestern war ich kurz wieder ergriffen. Sein Humor, seine Komik ist die andere Seite einer Tragik, klar. Zutiefst allein unter Vielen. Ich glaube, ich glaube zu wissen: das war Kippenberger. Hose runter, Leberzirrhose, Krebsbaracke. Dann noch in die Fasanenstraße zu Isa Genzken, 1970 ff.
Im KaDeWe vertrieb ich mir danach die Zeit. Kaufte einen kleinen Spitzer.
Der Kampa-Verlag hat Virginia Woolf’s “A Room Of One’s Own” ein Powerful-Stunning-Brave-Feminismus-Cover verpasst, drei Frauenfäuste (mit rotlackierten Nägeln) in die Höhe gereckt, in drei verschiedenen Hauttönen, im über-ubiquitären Illustrationslook, der schon bald älter aussehen wird als Leni Riefenstahl in ihrem Taucher-Film, Musik Giorgio Moroder.