• Mittwoch, 15.2.2023

    MONARCHIE UND ALLTAG ZUGFAHRT

    Ein schöner, blasser Morgen. Es ist noch früh, und der Mond hängt in trübem Blau like a clipped finger nail. Auch die Bäume sind noch blau, die Gebäude wie in dunkle Umhänge gehüllt. Hinten, dacht ich, stehen schon die Krankenwagen, Lichter an, der erste Junkie hat schon performt, am Performing Space Ebertplatz. Es war aber nur das Außenlicht der Apotheke, da auf der anderen Seite des Platzes.
    Das rippelnde Geräusch der Rollen meines Rollkoffers ist auch nicht für Jeden. Zum Beispiel für mich, jetzt. Bisschen sehr expressiv.

    Bei McDonalds noch einen Kaffee (Inflationsnews: 30 Cent teurer geworden von 1,49 auf 1,79€) holen, und während ich warte, starre ich fasziniert auf den freigelegten Teil der Softdrinkmaschine, da, wo die Spritzdüsen drin sind. Ich glaube, man sagt Spritzdüse?

    Ich dachte, mein Zug fährt durch bis Berlin. Tut er aber nicht. Jetzt halten wir eben, nachdem wir in scheinbar gleichen Zeiteinheiten Ebenen durchfahren, in denen die scheinbar gleichen Gebäude stehen auf von Nachtfrost noch bleichweißen Matten, in immer anderer Anordnung und Streuung, wie von AI generiert. Oder “KI”, wie BuKa Scholz wahrscheinlich sagen würde. Oder unser Panzerlord Pistorius. Ich mag den, den Pistorius. Weiß natürlich gar nichts über ihn, aber mir gefällt, wie er auf Fotos aussieht.
    Sonne fällt auf Döllken Profiles. Trapezblechhalle. Aus diesen Worten und Wörtern ist Deutschland gebaut. Außerdem aus: Schwelm.
    Vorhin, kurz vor Wuppertal, wurde es offen und in einer Senke zog sich eine einzige Landstraße hin, und darauf ein einsames Auto, das anthrazit aufglänzend dem sanften Wintermorgen entgegenfuhr. Es war ein Bestattungsfahrzeug.

    Ich, aus Westhoven (mit V), fahr grade vorbei an Westhofen (Ruhr, mit F).

    “Ein kleiner gastronomischer Hinweis. Wie Sie ja wissen, war gestern Valentinstag, und wenn ihr Valentinstag nicht so erfreulich verlaufen ist, beschenken Sie sich doch zB mit einem Kaffee in unserm BordBistro.” Kein Witz. Also doch, aber. Wir lachten wie alte Frauen.

    Der Kaiser. Er will da durch reiten.

  • Sonntag, 12.2.2023

    CHAMPAGNERDURST

    In Westpoint.

    Es blinkt grün, hektisch und in Reihe. Das heißt: Internet kaputt. Diese Zeilen sind offline geschrieben. Können Sie den Unterschied schmecken?

    Ein einsamer Düsenjäger am Himmel, heute, gestern?, der Schall und seine unsichtbaren Umwege. Hinter sich her zog es eine pulverige weiße Naht durch den Himmel. Gestern. Heute war es zu grau.

    Ich werde wohl wirklich dümmer. Jedes Buch, das ich lese,
    ein M e i s t e r w e r k. Train Dreams (Danke Marc Dégens), The Largesse Of The Sea Maiden, “Meisterwerke”. Bisschen funny ist es natürlich schon. Das Wort “Meisterwerk” meine ich. Eine faulige Frucht, im Garten des Grift.

    Auf dem Weg nach Westpoint ein Minihündchen, es verfing sich mit dem Hinterbein in der eigenen Leine. Das Hündchen heißt “Fuckhead”, dachte ich. Auch wieder wegen Johnson.
    Eben hab ich Hündchen Mara powergestreichelt. Ich wollte Friederike ein Foto machen und schicken, weil sie mir gestern eins vom Kater geschickt hatte. Aber ich kam gar nicht dazu, zum Fotomachen, Mara duldete no fucking Päuschen.

    Träumte von einer Elster, die mein Freund war. Sie klebte an meiner Schulter, mit den Flügeln ausgestreckt, wie eine Fledermaus.

  • Mittwoch, 8.2.2023

    NAUTISCHER ABEND

    Gegen kurz nach 18 Uhr, also nach dieser immer etwas anstrengenden Zeit des frühen Dunkelwerdens, sah ich, vom Plateau der S-Bahn-Station aus, ganz weit hinten, in der Flucht der Straße, die wie ein gedehntes Band sich hinzog, den herrlich sonnigen Tag in reinem Orange abtauchen, auf dass er ein Abend werde. Als hätte ich es noch nie gesehen, immer neu wie neu. Leute auf dem Bahnsteig versuchten Fotos zu machen, zogen und schoben mit den Fingern auf den Touchscreens der Telefone Parameter zurecht, dass die eigene Wahrnehmung die der datensensiblen Linse überschreibe. Sie alle wollen erinnern, was sie sehen, nicht, was die Technik weiß.
    Mit dem Orange kehrt die erste Ahnung einer wärmeren Zeit ins Bewusstsein zurück. Man sagt Hallöchen, still. Auf dem Orange sitzt fett und riesig und zufrieden Blau, das jedoch auch schon wärmer abstrahlt, als das Blau noch vor zwei Wochen, schon leicht rot informiert, vom Orange her. Light Stage Welt, auch ohne die Lichtorgel TimeCode.

    Am Hauptbahnhof steigen zahlreich hinzu die Mädchen des Matrosen, Damen und Kindertanzcorps Blau-Weiß-Troisdorf von 1971, wie es hinten auf ihren Fleece-Jacken steht, manche tuscheln zu dritt, andere stehen allein und haben klobige Telefone in der Hand. Ihre Augen haben sie dramatisch blau geschminkt, mit Glitzer auf den Lidern, die Haare eng anliegend am Kopf festgezurrt, mit Klammern befestigt, und eigentlich sehen sie aus wie Synchronschwimmerinnen, nur dass diese Mädchen hier reden, und jeder weiß, daß Synchronschwimmerinnen niemals reden. Für den nativen oder zugezogenen Rheinländer einer von vielen sich häufenden Hinweisen, dass der Straßenkarneval sich nähert. Meine Flucht ist schon geplant.