Mittwoch, 18.1.2023
ZUR BLOßEN LÜFTUNG DEGRADIERT, FÜLLEN VIER VENTILATOREN EIN FENSTER AUS
Nochmal der kalte Atem des Winters. Nachts muss er hier gewesen sein, und jetzt sieht man dünne, aber doch deutlich weiße Spuren, Milliarden feine, aufgerichtete Nädelchen aus Eis, die er zurückgelassen hat, und die sich jetzt hier so schön abheben vom Grau und Braun, aus denen eine Stadt gebaut ist.
Ich fahre mit meinem Vater zum Hautarzt, wo man ihm etwas vom Ohr abschneidet, um es dann einzuschicken. Ich sage zu ihm, er müsse nicht nervös sein, und ich bringe es gut rüber, will es, so gut es geht, rüberbringen. Nervös bin ich selbst. Der ganze Eingriff dauert ca. fünfzehn Minuten, und kaum in der Museumsbibliothek angekommen und die zwei Cecilia Beaux-Kataloge rausgesucht, ruft er mich schon an und sagt, er sei fertig. Der japanische Mann, der heute die spanische Frau vertritt, sagt noch über den großen Laib Brot, den ich mit mir herumtrage: gutes Brot.
Aus nervöser Materie war ich den ganzen Tag gebaut. Später, es wurde schon langsam dunkel, ging ich an einem Haus vorbei, durch das Küchenfenster konnte ich eine junge Frau, eine junge Mutter, an einem Tisch im Esszimmer sitzen sehen, vor ihr auf dem Tisch lag etwas, das ihre ganze Aufmerksamkeit beanspruchte, und ich sah das im Vorbeigehen, und während ich das sah war es bereits ein paar Sekunden dunkler geworden, und das ganze Leben dieser Frau schrumpfte vor mir, in meinem Hirn, zu einer winzigen Fläche zusammen. Das war kaum zu ertragen. Dann war der Gedanke weg, und das rote Licht ging an und die Bahn kam, und in der Bahn war eine Frau mit einer großen, grünen Lederhandtasche, an deren Seite mittig ein Reißverschluss war, und aus dieser quadratischen, grünen Visage heraus lachte mich jetzt ein absolut diabolischer Überbiss an, bis sich die Türen Minuten später wieder öffneten, und mit der Frau und ihrer Tasche auch die Nervosität in einem dunkelblauen Loch verschwand.