• Mittwoch, 4.1.2023

    SEGELFLUGPIONIER IM OSTPREUSSISCHEN ROSSITTEN, ADEPT DER LOHELAND-SCHULE, MALER IN DER RHÖN, JOURNALIST FÜR DIE FRANKFURTER ZEITUNG UND DIE VOSSISCHE ZEITUNG

    Wie mir da, im letzten Eintrag, ganz zum Schluss, das “au premier coup” noch hinausfiel­­­–das ist einer von diesen Textfetzen, Textelementen, spezifisch für diese Textform hier, nach meiner Auffassung der Textform, und sowas fällt aus der Aufmerksamkeitssphäre direkt in den Text hinein, ausgelöst wie vom Gummihämmerchen des Arztes beim Gelenkabtrommeln: eingelagert wie die Kleinstelektrizität des Körpers selbst. Genau.
    Sprache ist extrem, wie sie ist und wie sie gemerkt wird, und extrem ist normal. Ein Tag ist immer ein Tag der Sprache. Auch, wenn man den ganzen Tag zuhause bleibt und niemanden spricht. Und wenn man möchte, kann man versuchen, ihn anhand dessen nachzumalen, den Tag, wie man ihn auch anhand zB von Kontoauszügen nachmalen könnte, oder noch abstrakteren Daten. Portrait of a day.

    Irgendwie unerklärbar ermutigt immer, wenn mir, nach dem obigen Prinzip des Gummihämmerchens, der Satz aus dem Marcus Steinweg-Buch einfällt, auf mich hinabfällt: “es ist die Sprache, die am sprechen hindert, nicht ihr Verlust.” Word.

    Au premier coup: ja klar, das ist wahrscheinlich schon immer das Motto, die Herangehensweise gewesen für das Journal hier, das jetzt ins achte, ins neunte (?) Jahr geht. Coup Dreiundzwanzig. Vorher war bei mir kein Wissen darüber da, darüber, dass andere, aus einer anderen Branche, einen Begriff dafür haben. Ich akzeptiere und lasse Akzeptanz bei mir und für mich selbst entstehen dort, wo ich bei anderen anknüpfe. Everybody is social that way.
    Mein Elfenbeinturm ist öffentlich zugänglich (wie die Parkuhr, kost zwei Mark nur). Also: man schreibt los, bringt vielleicht zuerst die größeren Massen zu Papier, und dann wird man feiner, geht in die Details, so sehr man eben will, wie weit der “Schein des Ganzen” gehen soll.

    Der liebe Unhold, René Halkett. Geschenk von Mark. Was steht hier: “Autobiografisches Zeitportrait von 1900 bis 1939”. Da ist es also schon wieder, Portrait. Das Portrait, es bedeutet meistens: ein BILDENDES AUSSEN. Vorne auch ein Foto von Halkett, und selbstverständlich sieht er auch aus wie ein Mensch aus “1900 bis 1939”, wie ein “deutscher Emigrant”, wie ein “Kadett und Soldat im Ersten Weltkrieg, unsteter Wandervogel und Student in Gießen, Heidelberg, Frankfurt/Main, Freikorpskämpfer und KPD-Sympathisant, Mitglied der Bühnenwerkstatt am Bauhaus/Weimar und Mitarbeiter der “Roten Bühne” in Berlin usw.

    12:05h, mutloser, grauer Himmel und Regen. Dat is doch nur Geröll, ich hab heute Sonne im Herzchen, schwöre.

  • Samstag, 31.12.2022

    PERUANISCHE SCHAMANEN

    Vielleicht verstarb Benedikt XVI. heute Morgen auch bei 18 Grad, in Rom, an diesem LETZTEN Tag des Jahres 2022. Und vielleicht vernahm der Geist des nunmehr auf der Schwelle sich befindenden Ratzinger dies und vielleicht dachte er, kurz bevor überhaupt alles für ihn endete: Mensch, das ist aber warm hier? Ich weiß es nicht, und ich weiß nicht, für was der sanfte Apparat der Sensorik in dem Moment, in dem er begriffen ganz herunterzufahren, noch empfänglich ist, ob nun wirklich für gar nichts mehr, oder aber für fast ALLES. 
    Was ich aber weiß, ist, daß ich gestern, in der Fußgängerzone, den Maronen-Mann sah, auf dessen gelbem Schild stand in grüner Schrift, schön groß: 

    HEISSE MARONEN
    3€
                     5€

    Die FuGäZo war ein einziges Geschwader aus Daunenjacken. Die Geschäfte packed mit Menschen und Waren, im großen FIVE GUYS BURGER sah ich Menschen auch oben, auf der zweiten Etage, zu mehreren an Tischen sitzen.

    Ich ließ mich treiben und stand auf einmal in der großen Mayer’schen, Etage 2, und blätterte im neuen Sloterdijk. Es geht um die Farbe, bzw. eher die Idee von GRAU, gemeint als TON, zwischen Weiß und Schwarz, gemeint als eben nicht das Mischprodukt der beiden, sondern als eigene Färbung, die nahezu alle Farben enthält, so wie hier jetzt der Mittagshimmel heftig ins Blauviolette geht, das in den Wolken kauert. Insert und imagine: Heideggers blaugraue Daunen, Acid Rain auf D’schland. Denkbar. Keine Uhrzeit ist dem Licht anzusehen, und das Wort, das mir einfällt, ist factual light.

    Bei Bittner McGuane’s Panama bestellt, und Denis Johnson’s Die Großzügigkeit der Meerjungfrau mitgenommen. Es stimmt auch, daß die Literatur mir wie ein Hunger kommt. Wie der Hunger nach einem Cheeseburger mit Bacon sich rauchig auf dem Gaumen ankündigt, so brauch ich manchmal einen Sound, einen Stil, sofort. Und hinterher, zuhause, war ich dann auch echt glücklich, daß ich mit Johnson richtig lag. In einer Geschichte wirft einer ein Marsden Hartley Bild ins Kaminfeuer.

    Bei Walther König aufgefallen: Saul Steinberg Buch, Between the Lines. Als ich im ebenfalls sehr schönen George Grosz The Early Years blätterte, fiel mir dann auf, zum ersten Mal, bisschen stumpf aber wahr: die Zeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg, die Soldaten, die Bombenkrater, die unendlich verdrehten Stacheldrahtzäune, die sehen selbst alle so aus, als sei jede Linie, aus denen sie bestehen, ein Stacheldraht. Dann trat ich hinaus in den Regen.

    Next up: Spinat kaufen.

    Für 2023: au premier coup

  • Samstag, 24.12.2022

    POUR LE TEMPS DE NOËL

    Frohlocken, Dreizehn Uhr. Es ist die absolut gnadenlose Terrorwerbung in Spotify, die mich hier jedes Mal aufs Härteste aus der Musik herausschockt. Hey Bobo, ich versuche hier einen Spirit aufzubauen, bisschen. Ich war nämlich, einem Tipp von Olaf “DJ Olaf Hausmüller” Hausmüller folgend, auf die sog. Weihnachtsmusik von Michel Corrett gestossen, und jetzt entfalten sich hier allerlei pneumatische, ausatmende barocke Orgelsounds, dazu singen Frauen in höheren Lagen. Boom for the job u want, not the job u have.

    Postkarten kommen, und raus gingen sie auch.

    Von Fritzy hab ich ein großes Buch über Meret Oppenheim bekommen, Mein Album. Ein schöner Titel.