• Freitag, 13.1.2023

    CHELSEA BOY

    Auf der Dachterrasse über mir verräumt der Wind unter lautem Rumpeln unsichtbare Gegenstände, er räumt sie hin und her, und darunter schlafe ich, tief. Der Krach, sollte man sich nicht von nerven lassen–you have to ride it.

    Hansa und Sohn Kilian besuchen die Ausstellung, und Hansa überreicht mir eine Doppel-LP, die er und seine Jungs von der GANZ alten Krefelder Band haben pressen lassen, von ihren alten Aufnahmen. Mich rührt irgendwie, dass sie das gemacht haben, dass sie ihre gemeinsame Jugend in diese eine Form gebracht haben, die ein so schönes Objekt ist, so funktional und klar. Auf dem gatefold cover überall Fotos der Band, Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre, und obwohl man von so etwas schnell genervt sein kann, von der potentiellen Aufdringlichkeit von Fotos und ihrer Nostalgie (Mitch Hedberg: one time a guy handed me a photo and said this is a photo from when I was younger, and I said: every picture is of you when you were younger), hat das hier was Träumerisches. Von jedem Foto schaut einen ein Gesicht an, das noch unterwegs ist, unterwegs in Richtung Zukunft. Jugend­–you have to ride it.

    Gestern Abend Essen mit Uwe bei Celentano, und eine Spaghetti Puttanesca und zwei Peroni später war ich um ein paar kleine Stories über Richter, Crumb, Pettibon, Ruppersberg schlauer. The wind was tame back then.

  • Montag, 9.1.2023

    BOULDER
    DASH
    SNOW

    Der kanadische Künstler Michael Snow ist gestorben. Ich weiß nichts über ihn. Wie kann das sein?­ fragt der Anspruch, kommt vor sagt die Vernunft, und beide sind im Recht. Sein Künstlerbuch Cover to Cover, schreibt mir Uwe Koch, of Gestaltungs-Duo fahnert & koch fame, sei “eines der besten Künstlerbücher ever!”
    Weiter schreibt Uwe:
    “Snow hatte damals eine Gastdozentur im Nova Scotia College in Halifax. Damals haben die Dozenten jeweils als Abschluss ein Buch gemacht. Snow ackert sich von den beiden Umschlagseiten her gegenläufig zu den beiden gegenüberliegenden Umschlagseiten in der Mitte hindurch. Es ist ein durchgehend, fast stopmotionartig animierter Handlungsstrang, der die gleiche Situation als Schuss und Gegenschuss zeigt.. am Ende taucht das Buch, das man gerade in Händen hält, selbst als Protagonist auf. Hier ein Link zu einem japanischen Händler, der etwas tiefer auf der Seite ein Video eingebettet hat:

    Manche Tage fühlen sich so an, wie in diesem Video dargestellt. Schuss, Gegenschuss. Dachte Snow an sowas? Ist es mal wieder überhaupt k e i n Zufall, dass jetzt auch Nicholson Baker’s Buch The Mezzanine (deutsch: Rolltreppe oder Die Herkunft der Dinge, lol) mich so dringend interessiert?

    E. schreibt mir, es habe übers Wochenende "Entspannungen” gegeben in seiner Privatproblematik, wegen der er mich, quasi notfallartig, am Silvesterabend noch angerufen hatte, und derentwegen wir schon unmittelbar nach Weihnachten gesprochen hatten. BEZIEHUNG. Ich bin ein Rechtshänder, dem man Linkshänderfragen stellt. Aber das ist Quatsch, sogar so einer wie ich kann etwas zur “Beziehung” sagen. Das Fundament ist doch dasselbe wie beim­–

    The Four Sections – I. Strings (with Winds and Brass)

    Dugh. Der persische Ayran. Mit Kohlensäure, wässriger, gäriger im Geschmack. Trübe Joghurtbläschen obenauf, wird mit getrockneter Minze draufgestreut serviert.

    Postkarte mit dem Münsteraner Preußen-Adler an Klaus’ neue Adresse in Osnabrück.

  • Mittwoch, 4.1.2023

    SEGELFLUGPIONIER IM OSTPREUSSISCHEN ROSSITTEN, ADEPT DER LOHELAND-SCHULE, MALER IN DER RHÖN, JOURNALIST FÜR DIE FRANKFURTER ZEITUNG UND DIE VOSSISCHE ZEITUNG

    Wie mir da, im letzten Eintrag, ganz zum Schluss, das “au premier coup” noch hinausfiel­­­–das ist einer von diesen Textfetzen, Textelementen, spezifisch für diese Textform hier, nach meiner Auffassung der Textform, und sowas fällt aus der Aufmerksamkeitssphäre direkt in den Text hinein, ausgelöst wie vom Gummihämmerchen des Arztes beim Gelenkabtrommeln: eingelagert wie die Kleinstelektrizität des Körpers selbst. Genau.
    Sprache ist extrem, wie sie ist und wie sie gemerkt wird, und extrem ist normal. Ein Tag ist immer ein Tag der Sprache. Auch, wenn man den ganzen Tag zuhause bleibt und niemanden spricht. Und wenn man möchte, kann man versuchen, ihn anhand dessen nachzumalen, den Tag, wie man ihn auch anhand zB von Kontoauszügen nachmalen könnte, oder noch abstrakteren Daten. Portrait of a day.

    Irgendwie unerklärbar ermutigt immer, wenn mir, nach dem obigen Prinzip des Gummihämmerchens, der Satz aus dem Marcus Steinweg-Buch einfällt, auf mich hinabfällt: “es ist die Sprache, die am sprechen hindert, nicht ihr Verlust.” Word.

    Au premier coup: ja klar, das ist wahrscheinlich schon immer das Motto, die Herangehensweise gewesen für das Journal hier, das jetzt ins achte, ins neunte (?) Jahr geht. Coup Dreiundzwanzig. Vorher war bei mir kein Wissen darüber da, darüber, dass andere, aus einer anderen Branche, einen Begriff dafür haben. Ich akzeptiere und lasse Akzeptanz bei mir und für mich selbst entstehen dort, wo ich bei anderen anknüpfe. Everybody is social that way.
    Mein Elfenbeinturm ist öffentlich zugänglich (wie die Parkuhr, kost zwei Mark nur). Also: man schreibt los, bringt vielleicht zuerst die größeren Massen zu Papier, und dann wird man feiner, geht in die Details, so sehr man eben will, wie weit der “Schein des Ganzen” gehen soll.

    Der liebe Unhold, René Halkett. Geschenk von Mark. Was steht hier: “Autobiografisches Zeitportrait von 1900 bis 1939”. Da ist es also schon wieder, Portrait. Das Portrait, es bedeutet meistens: ein BILDENDES AUSSEN. Vorne auch ein Foto von Halkett, und selbstverständlich sieht er auch aus wie ein Mensch aus “1900 bis 1939”, wie ein “deutscher Emigrant”, wie ein “Kadett und Soldat im Ersten Weltkrieg, unsteter Wandervogel und Student in Gießen, Heidelberg, Frankfurt/Main, Freikorpskämpfer und KPD-Sympathisant, Mitglied der Bühnenwerkstatt am Bauhaus/Weimar und Mitarbeiter der “Roten Bühne” in Berlin usw.

    12:05h, mutloser, grauer Himmel und Regen. Dat is doch nur Geröll, ich hab heute Sonne im Herzchen, schwöre.