• Montag, 19.12.2022

    VORSICHT EINSICHT WIMPERNSCHLAG

    Über Nacht ein zwielichtiger Austauschdeal: von trockener Kälte und Minus 4 zum braunem Sud aus vertikalem Wasser und Asche, der fahl im Aschenbecher suppt, ein dumpf mit totem zyklopischen Auge in die Welt zurückstarrender Tümpel, Plus 4 dazu. Pataphysischer After-Burner, ein Hang-Over ohne Feier.
    Wetter ist ja auch eine Frage des Timings.

    Letzte Woche Selbstbeschenkung, mit Michel Würthles “Paris Bar Press Confidential”, 7 Bände made by Steidl. Teilhabe, offenes Denken und Sprechen, Zärtlichkeit, Schmerz des Vergehens und Freude an der Liebe zu Lebenden und Toten. Natürlich auch: Tagebuch, Bilder-Journal, Chronistenpflicht. In Band 5, Seite 15, ein großes Foto–ich muss das Buch quer nehmen–und da ist der Ausblick, den nicht nur Ich kenne, sondern auch meine Augen. Vom Balkon am Ufer aus, direkt auf die Ankerklause, die gegenüber wie schlafend an der Neige liegt, die Brücke, ich sehe sogar das winzige Malerbedarfsgeschäft, auf der Ecke, neben der Kneipe, wie heißt sie, Fuchsbau? Schnee liegt frisch gefallen, und durch den Abdruck des Fotos hat er die gleiche Farbe wie der Himmel darüber, kälter noch als in echt. Jungkater Felix reckt den Hals, um über die Brüstung zu lugen. Nur drei, oder vier, oder fünf Häuser weiter hat L. gewohnt. Kam man aus dem Haus, sah man im Prinzip genau das, was das Foto auch sieht. Der Gedanke an diese Parallelitäten thrillt mich. Vielleicht kindisch, aber es ist MEINS. 

    Argentinien ist Weltmeister, Messi hebt im qatarischen Negligé den Pokal
    in den Wüstennachthimmel. Deutsche Kommentatoren finden das “nicht
    okay”, das mit dem Negligé. Man ist geneigt, fast überall das
    Täter-Opfer-Prinzip anzuwenden, überzustülpen. Auch davon, übrigens, handelt das
    Würthle-Werk: von der Wahrnehmung zwischen den Setzkästen des Denkens. Ich nehme es lieber mit der Restwelt auf, als mit der Würthle-Welt, das ist “eh klar” (Hegel).

    Bei Bittner konnte ich von A6 auf A6 kopieren. Es geht nämlich (natürlich) doch. Postkarten-Imperium for the Win?

  • Donnerstag, 15.12.2022

    NOT ALL JOKES ARE MEAN, BUT ALL JOKES MEAN.

    Erster Kältehöhepunkt, minus Vier in der Bucht. Meine Fensterisolationen sind sowas von nicht-vorhanden, dass mein Schlafzimmerfenster morgens immer komplett von Kondenswasser benetzt ist, erblindet von Wasser. Überhaupt, die kleine Scheißwohnung ist keine Wohnung, sondern nunmehr eine Art Gegenspieler. Ich wohne TROTZ meiner Wohnung. Obwohl ich die kleinen Stifte, die die Heizungsventile öffnen und schließen, neulich noch neu justiert hatte, indem man sie mit einer Zange ein paar Mal rein und rausdrückt, locker macht, heizt die Heizung eher erratisch. Manchmal drehe ich auf 1, und sie fährt knallend heiß hoch, dann ist sie bei Stufe 2 vollkommen schwächlich und erbärmlich. Ich bin von kleinen Gags umgeben. Die Wohnung, das ganze Haus prollt in meine Richtung: verpiss dich.
    The absurdities of power enrage powerless artists, so they try to magically create seriousness out of its opposite. So hier Glenn O’Brien. 

  • Mittwoch, 14.12.2022

    IS AMONG THE MOST RESPECTED ARTISTS IN THE CONTEMPORARY ART WORLD, AND ONE OF ITS MOST MYSTERIOUS AND ENIGMATIC AS WELL, HE IS A CONCEPTUAL ARTIST, A PHOTOGRAPHER, A WRITER, A PAINTER, A SCULPTOR, A COLLECTOR, AN ACTOR, A GRAPHIC DESIGNER, A CURATOR– SIMULTANEOUSLY THE OTHER AND HIMSELF.

    Der Winter schickte am Montag noch in ganz flachem Winkel gelbes Licht, das fast zaghaft wirkte, und selten. Vielleicht deswegen sah man sich das öfter an, dieses fade Gelb, das wie um seine eigene Seltenheit wusste und sich deshalb bewusst interessanter inszenierte. Es war sich seines Publikums bewusst geworden. Und die Schatten, die sich direkt dahinter ausbreiteten und über die Flächen sich ausgossen wie Tinte, preußischblau und transparent: showy. Wer die Malerei sucht, nur um dort die Farbe zu finden, der–

    Ein Snarf ist einer, der an den Fahrradsatteln der Mädchen riecht, aber das ist der Sommer, der ist jüngst verstorben, und ein Kind von Morgen. Ich rieche jedoch die hohe Wohnung am Landwehrkanal, die ich nicht besitze. Darin ein Kater, der jede Dame angräbt. Besitze ich auch nicht. Und dann, dann wird es Nacht.

    Dass Charles M. Schulz Charlie Brown und Lucy van Pelt, und all die anderen, so oft Schlittschuhlaufen ließ, liegt daran, daß er, Schulz, selbst aus St. Paul, Minnesota, kam. Dort sind die Winter echte Winter. Das erste Bild im Strip, eine kleine Figur, zwei, die Schlittschuhe über der Schulter hängend. Darum haben mich die Peanuts ausgesucht. Ich bin ein Winterboy, bin geboren im Januar, noch bevor das Licht kam.

    Einmal meinte Charlie’s Schwester Sally zu ihm, er müsse lernen, wie man mit einem beachball redet. Das ist guter Rat.