• Samstag, 31.12.2022

    PERUANISCHE SCHAMANEN

    Vielleicht verstarb Benedikt XVI. heute Morgen auch bei 18 Grad, in Rom, an diesem LETZTEN Tag des Jahres 2022. Und vielleicht vernahm der Geist des nunmehr auf der Schwelle sich befindenden Ratzinger dies und vielleicht dachte er, kurz bevor überhaupt alles für ihn endete: Mensch, das ist aber warm hier? Ich weiß es nicht, und ich weiß nicht, für was der sanfte Apparat der Sensorik in dem Moment, in dem er begriffen ganz herunterzufahren, noch empfänglich ist, ob nun wirklich für gar nichts mehr, oder aber für fast ALLES. 
    Was ich aber weiß, ist, daß ich gestern, in der Fußgängerzone, den Maronen-Mann sah, auf dessen gelbem Schild stand in grüner Schrift, schön groß: 

    HEISSE MARONEN
    3€
                     5€

    Die FuGäZo war ein einziges Geschwader aus Daunenjacken. Die Geschäfte packed mit Menschen und Waren, im großen FIVE GUYS BURGER sah ich Menschen auch oben, auf der zweiten Etage, zu mehreren an Tischen sitzen.

    Ich ließ mich treiben und stand auf einmal in der großen Mayer’schen, Etage 2, und blätterte im neuen Sloterdijk. Es geht um die Farbe, bzw. eher die Idee von GRAU, gemeint als TON, zwischen Weiß und Schwarz, gemeint als eben nicht das Mischprodukt der beiden, sondern als eigene Färbung, die nahezu alle Farben enthält, so wie hier jetzt der Mittagshimmel heftig ins Blauviolette geht, das in den Wolken kauert. Insert und imagine: Heideggers blaugraue Daunen, Acid Rain auf D’schland. Denkbar. Keine Uhrzeit ist dem Licht anzusehen, und das Wort, das mir einfällt, ist factual light.

    Bei Bittner McGuane’s Panama bestellt, und Denis Johnson’s Die Großzügigkeit der Meerjungfrau mitgenommen. Es stimmt auch, daß die Literatur mir wie ein Hunger kommt. Wie der Hunger nach einem Cheeseburger mit Bacon sich rauchig auf dem Gaumen ankündigt, so brauch ich manchmal einen Sound, einen Stil, sofort. Und hinterher, zuhause, war ich dann auch echt glücklich, daß ich mit Johnson richtig lag. In einer Geschichte wirft einer ein Marsden Hartley Bild ins Kaminfeuer.

    Bei Walther König aufgefallen: Saul Steinberg Buch, Between the Lines. Als ich im ebenfalls sehr schönen George Grosz The Early Years blätterte, fiel mir dann auf, zum ersten Mal, bisschen stumpf aber wahr: die Zeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg, die Soldaten, die Bombenkrater, die unendlich verdrehten Stacheldrahtzäune, die sehen selbst alle so aus, als sei jede Linie, aus denen sie bestehen, ein Stacheldraht. Dann trat ich hinaus in den Regen.

    Next up: Spinat kaufen.

    Für 2023: au premier coup

  • Samstag, 24.12.2022

    POUR LE TEMPS DE NOËL

    Frohlocken, Dreizehn Uhr. Es ist die absolut gnadenlose Terrorwerbung in Spotify, die mich hier jedes Mal aufs Härteste aus der Musik herausschockt. Hey Bobo, ich versuche hier einen Spirit aufzubauen, bisschen. Ich war nämlich, einem Tipp von Olaf “DJ Olaf Hausmüller” Hausmüller folgend, auf die sog. Weihnachtsmusik von Michel Corrett gestossen, und jetzt entfalten sich hier allerlei pneumatische, ausatmende barocke Orgelsounds, dazu singen Frauen in höheren Lagen. Boom for the job u want, not the job u have.

    Postkarten kommen, und raus gingen sie auch.

    Von Fritzy hab ich ein großes Buch über Meret Oppenheim bekommen, Mein Album. Ein schöner Titel.

  • Montag, 19.12.2022

    VORSICHT EINSICHT WIMPERNSCHLAG

    Über Nacht ein zwielichtiger Austauschdeal: von trockener Kälte und Minus 4 zum braunem Sud aus vertikalem Wasser und Asche, der fahl im Aschenbecher suppt, ein dumpf mit totem zyklopischen Auge in die Welt zurückstarrender Tümpel, Plus 4 dazu. Pataphysischer After-Burner, ein Hang-Over ohne Feier.
    Wetter ist ja auch eine Frage des Timings.

    Letzte Woche Selbstbeschenkung, mit Michel Würthles “Paris Bar Press Confidential”, 7 Bände made by Steidl. Teilhabe, offenes Denken und Sprechen, Zärtlichkeit, Schmerz des Vergehens und Freude an der Liebe zu Lebenden und Toten. Natürlich auch: Tagebuch, Bilder-Journal, Chronistenpflicht. In Band 5, Seite 15, ein großes Foto–ich muss das Buch quer nehmen–und da ist der Ausblick, den nicht nur Ich kenne, sondern auch meine Augen. Vom Balkon am Ufer aus, direkt auf die Ankerklause, die gegenüber wie schlafend an der Neige liegt, die Brücke, ich sehe sogar das winzige Malerbedarfsgeschäft, auf der Ecke, neben der Kneipe, wie heißt sie, Fuchsbau? Schnee liegt frisch gefallen, und durch den Abdruck des Fotos hat er die gleiche Farbe wie der Himmel darüber, kälter noch als in echt. Jungkater Felix reckt den Hals, um über die Brüstung zu lugen. Nur drei, oder vier, oder fünf Häuser weiter hat L. gewohnt. Kam man aus dem Haus, sah man im Prinzip genau das, was das Foto auch sieht. Der Gedanke an diese Parallelitäten thrillt mich. Vielleicht kindisch, aber es ist MEINS. 

    Argentinien ist Weltmeister, Messi hebt im qatarischen Negligé den Pokal
    in den Wüstennachthimmel. Deutsche Kommentatoren finden das “nicht
    okay”, das mit dem Negligé. Man ist geneigt, fast überall das
    Täter-Opfer-Prinzip anzuwenden, überzustülpen. Auch davon, übrigens, handelt das
    Würthle-Werk: von der Wahrnehmung zwischen den Setzkästen des Denkens. Ich nehme es lieber mit der Restwelt auf, als mit der Würthle-Welt, das ist “eh klar” (Hegel).

    Bei Bittner konnte ich von A6 auf A6 kopieren. Es geht nämlich (natürlich) doch. Postkarten-Imperium for the Win?