• Montag, 28.11.2022

    BOYCOTT WATAH

    Die großen amerikanischen Symbole, as they say, sind alle l e e r – the river, the sea, the open road, the prairie, the light across the water in “Gatsby”

    vor mir aber wollen sich partout keine Symbole erkennen lassen, nur lokale Straßen, lokale Wege, vollgesogen mit Novemberwasser, und Wasser ist nunmal wirklich für JEDEN, leider, und es ist nasser als sonst. Und hier ist das Problem mit der Vertrautheit, wenn ihr Haltbarkeistdatum abläuft: es macht mir die Straßen so unangenehm voll, so unleer, weil sie voll sind mit dem cache memory all meiner Blicke, historisch und abgenutzt und historisch abgenutzt, und sie lassen keinen Platz für einen selbst, sich da, in all dem, aufs Neue zu sehen. Home won’t let you stay, hab ich mal irgendwo gelesen und gemerkt.

    Es ist Zeit für rheinischen Sauerbraten vom Pferd.

    The Big Chill, am Wochenende. Aufs Angenehmste touched von dem Film. Freundschaft und Zärtlichkeit, Erotik von Freundschaft, vereint in einer Form von ergiebigen Traurigkeit über den Verlust von Zeit. Tolle kleine Szenen, die geschenkten Turnschuhe auf dem Frühstückstisch, die Home-Kamera-Sache, William Hurt nie so gut gesehen, die Idee, das fünf oder sechs Menschen, an einem Ort, eine eigene Welt kreieren, in der man dann für drei, vier Tage lebt.

  • Dienstag, 22.11.2022

    ONE LOVE TWO GIRLS ONE CUP

    Auf dem Heimweg, irgendwann zwischen Freitag und Sonntag, es regnete nass und kalt aus schwarzem Nachthimmel herab in glasklare, bunt leuchtende Pfützen, hörte ich, im Vorbeigehen, einen Mann zu einem anderen sagen, die Tür zur Kneipe schon halb geöffnet: “Kommt drauf an, was man verkauft!”

    Hatte das Gefühl, diese Ausstellung, obwohl anders, größer angelegt, kam –vielleicht–deshalb gut, funktionierte als dieses Weniger gut, weil es viel gab, wovon ich wegnehmen konnte. Es war keine Schwundform von der Grundidee, der Idee, eine Ausstellung zu machen über die Strasse, über die Strasse als exemplarischer Ort, mehr oder weniger grade wegen seiner vermeintlichen Profanität/Anti-Profundität ausgewählt, also als Ort, der uns alle etwas angeht. Ich erinnere ein Essen mit Joachim, noch vor dem Sommer, und etwas sehr Konkretes, das er zu mir gesagt hatte an diesem Tisch, und vielleicht war es der letzte, aber doch sprachlich konkreteste Hinweis, den er mir gab, und dessen Inhalt ich schon geahnt, nun aber wirklich IN FORM auf einmal vor mir hatte, ein Satz, eine Aussage, wie eins dieser Cartoon-Wölkchen, die sich dann genauso schnell wieder auflösen, aber wahrgenommen hatte ich es. It’s funny how things work.

    Gleich zu Beginn der Eröffnung eine Unterhaltung mit einer französischen Kuratorin, die ich nicht kannte, und sie mich nicht, was direkt so ein integres Szenario herstellt, und die direkt Sachen zu sagen wusste, die mir erstens richtig vorkamen, und zweitens von mir so noch gar nicht bedacht. Später ein Schweizer Gallerist, der noch genau den Zugang zu den Bildern offenbarte, der noch fehlte, wie ich ihn mir tatsächlich auch erhofft hatte: über die Art und Weise wie gemalt wurde. Tief empfundene Art von, wie soll ich sagen, Zufriedenheit, wenn es auch nur einen gibt, der es auf eine tiefere Art “versteht”. An diesem Abend also gleich zwei–und unter den Schweigenden gar auch?

    José de Ribera
    Una mano que escribe
    1635

  • Montag, 14.11.2022

    ORCHIDEE NAMENS OLAF

    Halb Drei, und die Nacht schaut schon um die Ecke hier, “Hallo, ich bins, ich fang schon mal an”. Oder so: Die Nacht haut den ersten Nagel. Puh.

    Orchidee: bedecktsamige mit hodenförmigen Wurzelknollen. Da kann man nur
    sagen: Glückwunsch, Herr Bundeskanzler. Wenn man mich fragte: ich hätte
    gerne ein Kleinsttier nach mir benannt, eine kleine Echse oder eine
    Garnele oder einen Schmetterling. Garnele = Tier ohne Gesicht?

    Grad ist die Fotografin die Tür raus, Repros und Ausstellungsansichten sind also schon gemacht. Es läuft immer recht rund, was so Aufbau und all die sekundären Tätigkeiten dazu angeht. Ich denke dann manchmal: ZU rund? Aber der perverse Protestant würde sich sogar aus dem sonnigsten Glück noch einen Strick bauen, denn das ist, let’s face it, seine gottgegebene (sic) Aufgabe, die ewige Grundsünden-Bedecktsamung, hodenförmig.
    Sogar Mareike, die Fotografin, die mich auch ein bisschen kennt mittlerweile, meinte eben: du bist viel zu streng mit dir. Sie hat auch recht, und ich schäme mich für meine Dummheit dahingehend. Aber ich sage auch: als Künstler sollte man es sich auch bisschen schwer machen. Ich meine es genau so. Diese Alles-Easy-Low-Hanging-Fruit-Dinge ist halt Bullshit, das ist was für Funktionierer, nicht für Künstler. Wenn man “Sinnloses” macht, dann sollte man das ernst nehmen, und sich durchaus hart rannehmen.

    Ich gehe grade, auch deswegen, ein paar Peter Schjeldahl-Texte durch, so in den letzten Tagen. Gezieltes Gegoogele, Gesuche, Interviews, gerne in Podcast-Form, falls überhaupt vorhanden. Ich fand eins, da ist seine Stimme aber schon vom Krebs so papierdünn und todnah, das ich es kaum aushalten konnte. Dieser tolle Mann, dieser beschissene Raubbau, die ewige Erinnerung. So it goes.
    Und dennoch hörte ich natürlich weiter, wie er, Schjeldahl, da den jungen Jeff Koons und seine Kunst der späten 70er und 80er Jahre sozusagen verteidigt, weil oft schon der Ausspruch des Namens Jeff Koons wie eine Anklage klingt, heutzutage, von einem Balloon Dog herab.

    Deborah Solomon: How did things change for your writing when you moved to the New Yorker?

    Peter Schjeldahl: Instead of saying “Sigmar Polke,” I say “the German painter Sigmar Polke.”