• Mittwoch, 9.11.2022

    DEUTSCHES DATUM WORLDWIDE

    Künstler, ungeachtet dessen, ob sie “just happen to be a woman” (Louise Nevelson), oder ein Mann sind, “wasting his enviable talents by pursuing fashionable portraiture and curbing his interest in the progressive art of his youth” (aus dem Vorwort zu John Singer Sargent – The Sensualist), verfolgen und hoffen (es müsste ein Kofferwort geben für diese beiden) auf das Gelingen einer Art des Verschwindens, durch ihre Kunst. Verschwindenwollens. Wahrscheinlich bin ich nicht anders. So richtig Platz genommen habe ich in diesem Gedanken nicht, er ist eher an mir vorbeigefahren. Aber fahrend, das ist fast der schönste Zustand.

    “I am trying to erase myself. Each time I make a painting, I give away part of myself“, sagt Brad Phillips in einem Interview, (malender und zeichnender) Konzeptkünstler, und Autor des Buches Essays & Fictions (Tyrant Books, 2019).

    Auslöschen vielleicht nicht. Aber mir gefällt die Idee, als könnten diese neuen Mauer-Bilder in Gänze für mich einstehen. Zumindest für die Zeit einer Ausstellungsdauer. Bis Ende Januar also. Das ist doch eine schöne und kompakte Einheit von Zeit.

    Freitagabend, oder Nacht vielmehr, hab ich mich dabei ertappt, wie ich einfach im Bett lag um Musik zu hören, als aktive Sache. Nicht Musik als diese Begleitscheisse oder degradiert zu ATMO. Und dann habe ich mich gefragt, wann ich das zuletzt eigentlich so gemacht habe: einfach sitzen oder liegen und die Musik hören, ganz bewusst? Sich von Geräuschen oder Harmonien oder auch nur einer Note einnehmen lassen zB? Sich richtig knietief rein in die Cobras. Und so kam ich überhaupt drauf, auf das Verschwinden, denn ich war auf so wunderbare Weise NICHT DA, als ich, immer und immer wieder, auf “Untitled” von Helvetia klickte, dass es mich einsaugt in die Kopfhörer, die ich auf dem Kopf hatte, und komplett bescheuert aussah damit, aber who gives a fuck.

  • Donnerstag, 3.11.2022

    THE WORLD CANNOT INTRUDE, AND THE WALLS ARE THICK

    In der Zwischenebene der U-Bahn-Station Friesenplatz, Place le Frison, könnte Frau Karin Müller ihre DAK-Gesundheitskarte wiederfinden, sollte sie sie suchen, denn jemand hat sie, die Karte, unter eine Aluminiumverschalung geklemmt, gut einen halben Meter neben dem Fahrplan. Komisch intim, so eine einsame Plastikkarte in Deutschland.

    Aus Gründen hab ich jetzt also eine Ausstellung, in 15 Tagen. Und wie so oft spüre ich die Beflügelung, being on a schedule. Der sog. Zeitdruck hilft, eine angenehme Ernsthaftigkeit zu erzeugen, in der ich wiederum gut locker bleiben kann. Ich fühle mich nicht erpresst. Entscheidungen kommen mir sinnvoll vor, vielleicht gerade weil Sinnhaftigkeit beim Kunstmachen schwer–ja, was ist das Wort hier, NACHZUVERFOLGEN? ist. Sicher, es gibt den Sinn der Produktion, den intrinsischen Teil des Machens, des Make-do, aber die Frage, warum denn ausgerechnet JETZT Mauer-Bilder in Öl? Kurz: darum. Es hat sich angedeutet. Wenn ich mir den Bauplan dazu im Hirn kurz hinskizziere, oder ich Stimmen erzeuge im Kopf, die mir das alles nochmal selbst erklären sollen, dann sprechen dutzende davon gleichzeitig. Die Geschichte ist dabei aber, am Ende, doch relativ geradeaus, straight, und sie beginnt schon letztes Jahr. Das Ganze läuft irgendwie symphonisch ab.
    Die Geschichtsbücher sagen, das ist normal so bei den Leuten, die ich selbst interessant finde. Dann ist ja gut.

    Außerdem muss (muss wie will) ich mal wieder Postkarten schreiben. Das ist nämlich super.

  • Dienstag, 1.11.2022

    KAHIL EL’ZABAR-COREY WILKES-JUSTIN DILLART-ALEX HARDING  

    Samstagabend das Konzert von Kahil El’Zabar. America The Beautiful und anderes. Das Wort nach diesen anderthalb Stunden wäre: Unwiderstehlich, also: kann man sich nicht gegen wehren, falls man das denn wollte, sich wehren. The purest stuff. Ich war richtiggehend e n t s e t z t.
    Hin und wieder wird einem klar, wird einem vorgeführt, dass es einen Unterschied gibt zwischen Performance und Kunstäusserung. Dieser Unterschied ist niemals im Material begründet, niemals in den Werkzeugen, Instrumenten, Aufbauten etc., sondern, wie jetzt bei Kahil und den drei anderen Männern aus Chicago: es werden nicht Stücke aufgeführt, sondern sie ENTSTEHEN geradezu nochmal neu vor einem, für die Musiker selbst, und für uns. Und sei das selbst auch nur ein Trick, dann ist es dieser Trick eben. Der Keyboarder, ein thick boy, mit ultrafreundlichem, sanftem Gesicht, lugte immer  fast verschlagen von seinem Hammond Synthesizer auf, den er einfach direkt auf seinem Schoß liegend spielte, bediente, teilweise drei Stimmen gleichzeitig, denn vom Keyboard her kamen an diesem Abend Bass, Gitarre und andere Sounds. Auch noch nicht gesehen sowas. Das ganze Konzert über, und das ist schon, nach meiner Beobachtung, etwas spezifisch black american-mässiges: der Eindruck einer ständigen Kommunikation der Männer untereinander, Zurufe, Lachen, Nicken, Kopfschütteln, eine Form der Tiefenkonzentration, die weniger auf den Ausdruck von Versenkung geprägt ist, sondern eben: nach aussen hin geht. Bei jedem Stück veränderte sich der Gesamtsound der Band auf eine wirklich verblüffende Art, denn es wurden ja keine Intsrumente gewechselt. War das erste Stück noch sehr fleischig und soulful, und von der Konsistenz her eher sirupartig, verschob sich fürs zweite auf einmal komplett der Frequenzraum, auf einmal wurde es perlend und klirrend, die Trompete und das Bariton-Saxofon gingen in die Mitten, und von den Triolen auf dem Ride-Becken kam die Perlenschnur, an der sich das alles langzog, das war dann richtig amtlich Hard Bop Sound, aber mit Bass und Gitarre vom Synthesizer. Das dritte Stück kam leise, fern, wie von hinter den Dünen vom Meer herübergespült, die Message war LOVE, ich kam nicht klar, und damit kam ich gut klar, so schön wars. Bier war auch gut, Zigarettchen eh.