• Montag, 3.10.2022

    13:21h. Der längere Schnabel, die bräunliche Sprenkelung am Bauch spricht für eine Drossel, oder? Elegant, und dabei fast unnötig umständlich steht sie da mit ihren dünnen Beinchen auf dem Rand des Vogelhauses, und dreht sich seitlich zur Futterfläche hin, und ihre Flanke schimmert schwarzbraun, dann bronzen fast. Ich beneide die Vögel darum, wie sie dann einfach abheben und sich ganz locker oben auf dem Arm des Baukrans niederlassen können, der sich hier, direkt hinter dem Apfelbaum des Nachbarn, hinter dessen Haus, emporhebt, groß und merkwürdig nah, mich von weit oben herab beobachten. Zarter Neid auf die Fähigkeit, schnell große Distanzen herzustellen. Die Vögel machen insgesamt ziemlichen Betrieb heute hier, wie nervöse Teenagerjungs in Triebspannung hängen die Sperlinge oben in den Kronen, schreien herum, fliegen weg, um kurz danach im Rudel wiederuzkommen, nur um irgendwas zu machen. Jetzt schaute mich grade, als ich das schrieb, ein knallrotes Eichhörnchen direkt an, legte die Nuss ab und… wie ein Disneyfilm hier. Es ist nicht grade kalt, würde man sagen, und ich lese auf der Sonnenliege, mit Decke. I am, indeed, a simple man.

  • Sonntag, 2.10.2022

    DIE EINSAMKEIT DES LÄUFERS

    Es ist Marathon. Leute stehen an den Straßenrändern, auf den Gehwegen, applaudieren, wenn einzelne Läufer vorbeikommen. Eigentlich schön anzusehen. Fremde wertschätzen Fremde, erkennen den struggle an, erkennen die Mühen, und geben ihnen mit oder ohne Worte mit, doch durchzuhalten, und wenn nicht, auch okay, hier stehe ich und sehe dich. Für viele Dinge im Leben braucht es Zeugen, damit man sie als wertvoll empfindet (selbst, wenn man das nicht glaubt: Menschen lassen es einen spüren).
    Wäre man für Freunde auch so da, wie diese Fremden am Straßenrand, auf diese Art? Hat der Fremde nicht immer den Vorteil, dass man ihn zu dieser einen Sache komprimieren kann, er wird zu der Anstrengung, die er ausübt, die anzuerkennen leichter fällt, weil keine Persönlichkeit, und die geheimen Daten, die diese mitbringt, dem im Wege steht? Freunde, Menschen, die einem enger stehen, sind auch immer leichter, fast automatisch zu psychologisieren. Man kann gar nicht anders. XX hat Probleme, aber XX ist auch so und so–„so ist er eben“–und durch die Persönlichkeit kommt die Wiederholung, und die Wiederholung ermüdet in diesem Falle, ermüdet den Willen da zu sein, zu helfen, zu sehen, zu erkennen. So dachte ich eben, als ich das sah, die Läufer, Kilometer in den Beinen, Kilometer vor sich.

  • Donnerstag, 29.9.2022

    MY F1RST CASIO

    Der Schweizer, der mich neulich über Instagram anschrieb, wegen the art, ist ein Grafiker aus Zürich. Nahm dann die Absage der Stiftung Kunstfonds zum Anlass, ihn nach Schweizer Adressen zu fragen, bei der Geld zu beantragen wäre, für die Produktion eines Katalogs, auch für den eines, entschuldigung, Deutschen. Dienstagabend telefonierten wir knapp zwei Stunden, der Grafiker und ich, und umrissen schonmal grob die Formen und Vorstellungen einer solchen Drucksache. Irgendwann fragte ich ihn, wie alt er sei. 23, sagte er dann. Und ich fühlte mich dann nicht alt, obwohl das nahe läge, sondern fühlte etwas anderes. Vielleicht sogar ein bisschen Erleichterung, nicht mehr 23 sein zu müssen, den Kopf nicht mehr zu 85% voll mit fickbezogenen Obsessionen und anderen Verlangen, die im Tremor dieser Energien nur ruckelnde Bilder meiner Zukunft abbilden konnten.

    Der junge Züricher Grafiker schien zumindest klar und konzentriert. Die Schweiz also–gar nicht so neutral.

    Drei Zeichnungen für die Online-Show von Brad Phillips gepackt.

    Schmerzende Stelle im linken Fuß, in der Fußsohle, direkt bevor der Fußballen beginnt. Gehe ich falsch, gehe ich zu weit?