VERDORBEN IST DER BLICK, DEN DIE STADT AUF MICH WIRFT
Der Blick, den die Stadt auf mich wirft, ist verdorben. Ich kann seine Überspanntheit fühlen. Wie die des Muskels, der sich schräg durch meine linke Brust zieht, direkt unter dem Schlüsselbein, von den Liegestützen der letzten Wochen. Es macht irgendwie Spaß, mit den Fingern auf die Stelle zu drücken, genau zu wissen, wo der Schmerz liegt. Pars clavicularis–so klingt der cringe des Wissens. Ich will aber alles vergessen, sofort. Das ist die neue Sehnsucht, die ich habe.
Der Blick, den ich auf die Stadt werfe, ist herablassend, verachtend, voller Kenntnis und Erfahrung, wie der auf einen Freund. Es stimmt ja wirklich: there’s no love without a little hate.
Menschen kommen aus dem Museum. Ich kann sie alle sehen, und auch seh ich sie einzeln. Eine Frau um die 60 oder 70, groß, ein Oberteil aus Fleecestoff, vielleicht Patagonia, mein Hirn sagt Amerikanerin. Vorbei geht sie, in ihrer kleinen Gruppe, an dem jungen Asiaten, der vor dem Eingang Violine spielt. Leise, bescheiden, zaghaft fast. Asiatisch. Eine vorübergehende Frau hat zwei kleine Collie-Hunde an der Leine, und der eine ist fasziniert von dem violinespielenden Asiaten, seine Hundeneugier lässt Hals und Kopf in inimitable biological fashion hochfahren–so gehts mir durch den Kopf–und das liegt alles tief, tief in seiner Helix begraben. Ich lebte gern in einem Kosmos, in der dieser kleine Hund Einsicht hat in die grundlegende Mathematik der Barockmusik, die der Asiate spielt. Länger hinschauen, auf nahezu alles, und die Finsternis löst sich auf.
Hühnersuppe im Tantuni-Haus.
Wall piece No 15. Was ich jetzt auch so langsam begreife: genauso wichtig wie Licht/Schatten ist Warm/Kalt.