KUNST MUSS SOLL KANN UND/ODER PROVOZIEREN
6:32h. Abfahrt pünktlich um 6:17h, es ist noch dunkel und es regnet. Kalt ist es nicht, obwohl es so aussieht, als sei es kalt. Unter meiner Jacke bildet sich dieser tropische, ganz feine Film aus Feuchtigkeit, der mir kühl auf der Haut liegt. Im Inneren des Zuges wird er wieder unsichtbar verdampfen.
Der Zug, so die Frauenstimme, wird keinen Zwischenstopp bis Berlin-Südkreuz einlegen. Sie nennt eine Uhrzeit, zu der man erwartet, dort einzutreffen. Mir gegenüber sitzt ein junger Mann, zwischen 30 und 40. Es ist bei ihm durch die Maske noch schwieriger zu sagen. Diese Masken teilen die Gesichter in zwei Hälften, und bei manchen betont es die Zweihälftigkeit ihrer Gesichter. Das sind die härteren Fälle. Wie er hier.
Er hier trägt über seinem weißblau engkarierten Hemd ein dünnes, dunkelblaues Steppblouson mit Reißverschluss, die Ärmel sind abgesetzt und aus einem planen Baumwoll/Kunststoffgemisch. Am Bund der Ärmel, abschließend, bevor darunter die Handegelenke des Mannes zum Vorschein kommen, sind drei schmale Ringe, Hellblau, Weiß und eben das Dunkelblau, die Grundfarbe des Blousons. Mich interessieren ja diese Details, weil sie oftmals über den Gesamtappeal des Kleidungsstücks herrschen. Sie können ein eigentlich gutes Kleidungsstück in die Billighaftgkeit relegieren. Oder umgekehrt. Meistens aber nicht umgekehrt. Und ich finde, dieses merkwürdige Hellblau und Weiß geben dem etwas Kaufland oder real-haftes. Gegen diese Läden habe ich im Prinzip nichts. Man kann natürlich auch dort, sofern man etwas stilsicherer ist, Kleidung finden. Das Blau draußen am Himmel ist jetzte etwas heller, als das Blouson des Mannes. Erste Farben erheben sich aus der Dunkelheit, Gebäude, und Autos. Es ist 6:55h.
7:57h. Antonia Baum ist anscheinend von Eintracht Frankfurt, nein, FAZ, zur ZEIT gewechselt. Küsste sie auch das Wappen bereits beim ersten Tor? Neulich sah ich das bei dem Spieler Antony, der von Ajax Amsterdam zu Manchester United gewechselt war. Bisschen albern, aber nicht ungewöhnlich für eine Zeit, oder besser: a point in time–in dem gewisse Dinge, Gesten, in einer Art Überperformativität erschöpft, ausgehöhlt wirken. Auch das spricht für diese infantile Maserung, die ich meine so häufig zu sehen, in den Oberflächen. Wie ein Kind, das voll in der reinen Nachahmung aufgeht, werden Gesten eingesetzt, manchmal sogar ohne den eigentlichen Anlass. Das ist natürlich am lustigsten. Aber sie sollen besonders ernst genommen werden, und sind an die gesamte Öffentlichkeit gerichtet.
Antonia Baum jedenfalls traf für die ZEIT die Künstlerin Monica Bonvicini in ihrem Berliner Atelier. Mich interessierte das, weil ich auch schonmal aufgrund gewisser Umstände bei Bonvicini im Atelier war, und ich eine gewisse Vorstellung habe von ihr, ihrer Arbeit, und von ihr + ihre Arbeit. Der Text beschreibt mehr das Wesen dieses Treffens, die Beobachtung der Beobachtung. Das Gesagte schien ihr eher nebensächlich, weil sie, Baum, von Anfang an einen antagonistischen spirit spürte, der dazu führen kann, dass die getätigten Aussagen in den Antagonismus einplaniert werden, und ihre spezifischen Inhalte sozusagen wie nasse Hündchen leider draußen bleiben müssen. Mir gefällt das Ende des Textes, weil Antonia Baum, völlig zurecht, wie ich finde, auf diese Platinum-Floskel “Kunst muss provozieren” eingeht, die, wenn man Bonvicinis Arbeiten kennt, Bonvicini fast wie eine Daseinsberechtigung ins Tageslicht zu lallen sich gezwungen sehen muss. Natürlich ist das, wie das Wappenküssen ohne Geschichte, amtlich falsch. Und es ist irgendwie noch falscher, wenn man bedenkt, wie Baum schreibt, dass natürlich kein Museum, das Bonvicinis ankauft, und kein Sammler, der nach 20% Nachlass bei der Galerieeröffnung fragt, sich von der Provokanz zum Kauf provoziert fühlt.
Wessen Arbeiten, wie die Bonvicinis, immer sehr ähnlich aussehen, weil die Form der Moderne, in der wir leben, diesen trademark-Aspekt in den Kunstmarkt eingebaut hat, kann ganz logischerweise nicht über Jahrzehnte oder auch nur Jahre hinweg “provozieren”, wenn das denn wirklich ihr Wunsch wäre. Was provoziert oder als provokant empfunden wird, ändert sich mit den Trends und Anschauungen und mit der Moral und Ästhetik und Politik der jeweiligen Zeitebene. Und mich, wie Antonia Baum offenbar auch, nerven diese auswendig gelernten Laberfragmente, wie sie, ironischweise, von Künstlern, die oft auf ihre Unabhängigkeit und vermeintliche Freigeistigkeit verweisen, leider ständig abgesondert werden. Nächster Halt Wahrheitsfindung, schnell eine rauchen, noch am Gleis.
8:52h. Noch 70 Minuten bis Berlin.
Sané – darum musste die Wasserflasche leiden
9:00h. Liebe Fahrgäste, sollte sich unter ihnen ein Arzt befinden, kommen sie bitte schnellstmöglich in Wagen 24. Vielen Dank.
9:34h. Der Arzt saß hier bei mir im Wagen. Jetzt bekommt er von der netten DB-Frau hier einen großen Kaffee zum Dank. Lieb. Bedeutet wohl auch, daß er in Wagen 24 keinen größeren Eingriff vornehmen musste. Dann wäre das Käffchen etwas lame.