• Sonntag, 18.9.2022

    PHENOLE IM SENF CON JOAQUÍN ENPANADA

    In waffelteigfarbene Tücher gehüllt empfing mich Joachim im blankgeputzten Kollwitz-Viertel. Noch zeigte die Sonne uns und dem Erdbeerhäuschen ihr nices face. Ich aß ein Croissant of Color, mit Aktivkohle versetzt, oder gebacken, oder gemacht, ich hatte den genauen Herstellungsprozess schnell vergessen (schmeckte gut), angesichts der Tatsache, dass Joachim mir einen Marktbesuch in Aussicht stellte, den er dann auch wunderbar lebendig moderierte, mir qua seiner swabianischen Blutsnähe zur Marktidee überhaupt auch ganz logisch klar machen konnte, warum hier, auf dem Markte, ein hohes Dasein möglich war. Und so war es. Im Biersenf zu meiner Rostwurst waren tatsächlich säuerliche Phenole (Joachim meinte, die heißen so) zu vernehmen, aber der Höhepunkt waren die Enpanadas eines kleinen argentinischen Aufbaus. Die jeweiligen Füllungen waren durch eine Formvarianz der Enpanadas selbst gekennzeichnet. Glaube, das nächste Mal sollten wir direkt zur Quelle hin. Entonces.

    Freitag Kunst, mittags bei Ishin und später Austern bei Lafayette mit Friddey.

    Jon Rafman bei Sprüth Magers sehr sehr gut.

    Immer wieder die Feststellung, dass die Leute in Berlin noch flirten, offene Blicke haben. Angenehm.

    Auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof fielen hinter mir die Kastanien dumpf ins Gras.

  • Donnerstag, 15.9.2022

    GAPING NEW TOMORROW

    Dieser Text hier also der erste, nachdem ich den Computer mittags ganz leicht nervös vom Reparatur-Check abgeholt habe. Es war nur das Netzteil, und der Rechner war „voll entladen“, wie der Typ meinte, weswegen man ihn aufmachen müsse. Diese Generation MacBook sei eben scheiße, so er, und ich musste ihm da zustimmen. Dem Ganzen verlieh die Tatsache, dass ich den heutigen Morgen eigentlich habe nutzen wollen für eine Stipendiums-Bewerbung (sinnigerweise habe ich es zum deadline-day-drama kommen lassen, natürlich, anders geht es scheinbar nicht, obwohl: stimmt gar nicht) eine gewisse Dramatik. Aber jetzt ist alles gut, ich konnte nicht nur die Bewerbung fertig machen, sondern auch den Text hier noch hin notieren.

    Gestern Abend, man hatte sich durch oder mit dem Menschenlindwurm im Schinkel Pavillion die Treppen hochgewunden, wo Monitore mit Jon Rafmans Kunst hin installiert und eine Anna Uddenberg-Performance im Gange war, und es liefen Jünglinge in Windeln umher, meine ich durch die meinen Blick durchkreuzenden Menschenmassen gesehen zu haben. Braunhäutige junge Männer mit Tättowierungen auf den Hälsen, aus den Krägen sich rankend, Cornrow-Frisuren, dahinter, direkt folgend, einige white boys in schwarzen, puffy Kapuzenpullovern mit diesen Motiven vorne drauf, die mich stark an eine frühe-2000er-Wave-Gothic-Optik denken liessen, aber diesmal, vermute ich, von den aktuellen Kulturen umcodiert, enthistorisiert und eventuell ver-fashioned. Unten, in der Krypta, ein halbrunder Videoraum, in dem eine neuere (?) Jon Rafman Videosache lief, einer seiner Animantionsfilme, der Raum stickig und feucht und es roch entfernt nach Rauke. Berlin, ein einziges Showing-Up, ein einziges Sich-Zeigen. Nach 15 Minuten stand ich mit Tahnee wieder draussen, in einer sich über uns senkenden und jungen Nacht.
    Ich hatte dann große Lust, einfach durchs kaiserlich-preußische Berlin zu laufen, und dabei zu schweigen, aber das geht natürlich nicht, denn die Situation fordert immer irgendwas, wenn man nicht allein ist. Okay.

    Heute fiel mir zum ersten Mal überhaupt auf: dass in Berlin ja niemand, der zB im Rollstuhl sitzt, die BVG nutzen kann? Ist das so? Nach knapp zwanzig Jahren Nach-Berlin-fahren kam mir auf einmal der Gedanke: ich hab hier noch nie jemanden im Rollstuhl in der Bahn gesehen.

  • Mittwoch, 14.9.2022

    KUNST MUSS SOLL KANN UND/ODER PROVOZIEREN

    6:32h. Abfahrt pünktlich um 6:17h, es ist noch dunkel und es regnet. Kalt ist es nicht, obwohl es so aussieht, als sei es kalt. Unter meiner Jacke bildet sich dieser tropische, ganz feine Film aus Feuchtigkeit, der mir kühl auf der Haut liegt. Im Inneren des Zuges wird er wieder unsichtbar verdampfen.

    Der Zug, so die Frauenstimme, wird keinen Zwischenstopp bis Berlin-Südkreuz einlegen. Sie nennt eine Uhrzeit, zu der man erwartet, dort einzutreffen. Mir gegenüber sitzt ein junger Mann, zwischen 30 und 40. Es ist bei ihm durch die Maske noch schwieriger zu sagen. Diese Masken teilen die Gesichter in zwei Hälften, und bei manchen betont es die Zweihälftigkeit ihrer Gesichter. Das sind die härteren Fälle. Wie er hier.
    Er hier trägt über seinem weißblau engkarierten Hemd ein dünnes, dunkelblaues Steppblouson mit Reißverschluss, die Ärmel sind abgesetzt und aus einem planen Baumwoll/Kunststoffgemisch. Am Bund der Ärmel, abschließend, bevor darunter die Handegelenke des Mannes zum Vorschein kommen, sind drei schmale Ringe, Hellblau, Weiß und eben das Dunkelblau, die Grundfarbe des Blousons. Mich interessieren ja diese Details, weil sie oftmals über den Gesamtappeal des Kleidungsstücks herrschen. Sie können ein eigentlich gutes Kleidungsstück in die Billighaftgkeit relegieren. Oder umgekehrt. Meistens aber nicht umgekehrt. Und ich finde, dieses merkwürdige Hellblau und Weiß geben dem etwas Kaufland oder real-haftes. Gegen diese Läden habe ich im Prinzip nichts. Man kann natürlich auch dort, sofern man etwas stilsicherer ist, Kleidung finden. Das Blau draußen am Himmel ist jetzte etwas heller, als das Blouson des Mannes. Erste Farben erheben sich aus der Dunkelheit, Gebäude, und Autos. Es ist 6:55h.

    7:57h. Antonia Baum ist anscheinend von Eintracht Frankfurt, nein, FAZ, zur ZEIT gewechselt. Küsste sie auch das Wappen bereits beim ersten Tor? Neulich sah ich das bei dem Spieler Antony, der von Ajax Amsterdam zu Manchester United gewechselt war. Bisschen albern, aber nicht ungewöhnlich für eine Zeit, oder besser: a point in time–in dem gewisse Dinge, Gesten, in einer Art Überperformativität erschöpft, ausgehöhlt wirken. Auch das spricht für diese infantile Maserung, die ich meine so häufig zu sehen, in den Oberflächen. Wie ein Kind, das voll in der reinen Nachahmung aufgeht, werden Gesten eingesetzt, manchmal sogar ohne den eigentlichen Anlass. Das ist natürlich am lustigsten. Aber sie sollen besonders ernst genommen werden, und sind an die gesamte Öffentlichkeit gerichtet.
    Antonia Baum jedenfalls traf für die ZEIT die Künstlerin Monica Bonvicini in ihrem Berliner Atelier. Mich interessierte das, weil ich auch schonmal aufgrund gewisser Umstände bei Bonvicini im Atelier war, und ich eine gewisse Vorstellung habe von ihr, ihrer Arbeit, und von ihr + ihre Arbeit. Der Text beschreibt mehr das Wesen dieses Treffens, die Beobachtung der Beobachtung. Das Gesagte schien ihr eher nebensächlich, weil sie, Baum, von Anfang an einen antagonistischen spirit spürte, der dazu führen kann, dass die getätigten Aussagen in den Antagonismus einplaniert werden, und ihre spezifischen Inhalte sozusagen wie nasse Hündchen leider draußen bleiben müssen. Mir gefällt das Ende des Textes, weil Antonia Baum, völlig zurecht, wie ich finde, auf diese Platinum-Floskel “Kunst muss provozieren” eingeht, die, wenn man Bonvicinis Arbeiten kennt, Bonvicini fast wie eine Daseinsberechtigung ins Tageslicht zu lallen sich gezwungen sehen muss. Natürlich ist das, wie das Wappenküssen ohne Geschichte, amtlich falsch. Und es ist irgendwie noch falscher, wenn man bedenkt, wie Baum schreibt, dass natürlich kein Museum, das Bonvicinis ankauft, und kein Sammler, der nach 20% Nachlass bei der Galerieeröffnung fragt, sich von der Provokanz zum Kauf provoziert fühlt.

    Wessen Arbeiten, wie die Bonvicinis, immer sehr ähnlich aussehen, weil die Form der Moderne, in der wir leben, diesen trademark-Aspekt in den Kunstmarkt eingebaut hat, kann ganz logischerweise nicht über Jahrzehnte oder auch nur Jahre hinweg “provozieren”, wenn das denn wirklich ihr Wunsch wäre. Was provoziert oder als provokant empfunden wird, ändert sich mit den Trends und Anschauungen und mit der Moral und Ästhetik und Politik der jeweiligen Zeitebene. Und mich, wie Antonia Baum offenbar auch, nerven diese auswendig gelernten Laberfragmente, wie sie, ironischweise, von Künstlern, die oft auf ihre Unabhängigkeit und vermeintliche Freigeistigkeit verweisen, leider ständig abgesondert werden. Nächster Halt Wahrheitsfindung, schnell eine rauchen, noch am Gleis.

    8:52h. Noch 70 Minuten bis Berlin.

    Sané – darum musste die Wasserflasche leiden

    9:00h. Liebe Fahrgäste, sollte sich unter ihnen ein Arzt befinden, kommen sie bitte schnellstmöglich in Wagen 24. Vielen Dank.

    9:34h. Der Arzt saß hier bei mir im Wagen. Jetzt bekommt er von der netten DB-Frau hier einen großen Kaffee zum Dank. Lieb. Bedeutet wohl auch, daß er in Wagen 24 keinen größeren Eingriff vornehmen musste. Dann wäre das Käffchen etwas lame.