• Mittwoch, 25.5.2022

    NO BIG DEAL

    Rosen, fast vor jedem Haus, in der Straße, in der meine Eltern wohnen. Üppige Rosensträuche, viele mit Blüten groß wie Frühstücksteller, gelbe, blaurote, zartrosane. Hier, wo es ruhig ist, traut sich die Natur etwas mehr heraus. Die Größe der Rosen als Zeichen für das Maß an Ruhe. Why not. In der Garage ertappe ich die in der Garage lebende Maus dabei, wie sie in dem Plastikeimer herumturnt, in dem das Vogelfutter aufbewahrt wird. Ich höre sie förmlich “oh, oh” sagen, als ich in die Garage komme, ich sage auch “oh, oh”, und dann klettert sie hastig und etwas uneleganter, als man es erwarten würde, aus dem Eimer und haut ab, hinter ein Regal. Mit der von meinem Vater aus Pappe gebauten kleinen Futterschaufel fülle ich Vogelfutter nach. Vögel haben immer Hunger. Igel Sascha war in den letzten Wochen auch aktiv geworden, fett wie er war, aber ich sehe und höre von Sascha am Abend nichts. Es ist kühl und regnet in Schüben. Der Nachbarshund bekommt zwei Möhren. Beim Fressen fallen ihr dicke Speichelfäden aus dem Mund, während gleichzeitig die Möhre reingeht. Ich sage dem Hund, dass ich auch auf Möhren stehe. What’s not to like? Ich telefoniere lange mit Henri in Zürich. Ich trinke zwei eiskalte Dosen San Miguel. In einem Bier ist noch Bier-Slush, vom Eisfach. Ich liege auf der Couch, die feuchte Nacht kommt als Kühle durch die offene Terrassentür, ich decke mich zu und lese bis weit nach Mitternacht weiter Truman Capote, Kaltblütig. Am nächsten Morgen kann ich mich noch an den Traum erinnern, den ich geträumt habe, aber jetzt kann ich es nicht mehr. Ich erinnere mich nur, dass ich mich erinnern konnte, gestern am Morgen.

    Rick Rubin fragt Brian Eno, wie er, Eno, aussah, als er Mitte der 70er Jahre anfing, die Idee von einer Ambient Music zu entwickeln, wie er sich gekleidet hat, sich dargestellt. Eno sagt: “I still had long hair. I was still wearing make-up then, yes, and I wore a lot of unusual clothes. My physical appearance was saying Look at me, but my musical output was saying It’s nothing, it’s just a tint, just an atmosphere, no big deal, carry on with your life.”

  • Freitag, 20.5.2022

    HÖHLENBAUEN

    Fuhr erst am späteren Nachmittag ins Atelier. Wie in einem Wettlauf, mit dem aufziehenden Gewitter, packte ich den Rucksack, schaute dabei ab und zu nach draußen, wie auf einen Verfolger, den ich hinter mir wähne–wie weit ist er schon–ich seh seinen düsteren Schatten ganz nah. Wollte aber gar nicht schneller sein. Ich wollte hineingeraten–das habe ich dann selbst gemerkt. Vorfreude auf die kühle Luft kam bei mir auf, auf die Gerüche, die der Schauer mit all seinen Wassern schäumend aus den Ritzen spülen würde. Auf das dunkle Cape, das jetzt herabsank.

    Auf Regenradar war eine dunkelblaue, schleichende Fläche zu sehen, in ihrer Mitte ein violetter und länglicher Kern, creeping towards Betlehem. Draußen, die ersten Botentropfen fielen, hatte sich der Himmel schon fast vollgesogen mit einem wunderschönen Grau, in dem so viele Farben wohnen, bedrohlich und tief. Die Reste des bisherigen Tages verschwanden. Anderes Licht fiel auf die Dinge. Und die Dinge sahen nun anders aus. Jedem, dem dieser Tag bis zu diesem Zeitpunkt wie eine Niederlage vorkam, war nun die Möglichkeit eines Sieges gegeben. Neu.

  • Mittwoch, 18.5.2022

    GLASGOW RANGERS – EINTRACHT FRANKFURT

    Weiter gehts, indeed.

    Samstag absolut finsterste Horror- und Absturzlaune, Vladimir-schmeiß-die Bombe-Laune, Global-Anthrax-Laune, alles abschalten, den Laden-dichtmachen-Laune, All-over-Brandrodung-Laune, Megadeath. Und die Sonne scheint ihr Licht auf die Krater. Dann aber durch den sozialen Moment gerettet, und durch sanfte Alkoholzufuhr. Die Zigarette feiert ja eine Art “Comeback”, vielleicht sollte bei mir der Alkohol ein kleines Comeback “feiern”. Erinnerung an mich selbst. Wie ich mich auch gestern wieder daran erinnerte, wie ich, noch in der alten Wohnung in W’hoven, abends immer wieder Ariel Pinks The Doldrums gehört habe, dazu Campari-Soda getrunken und gezeichnet, an dem Bistro-Tisch, mit der Marmorplatte, und dem einen schiefen Bein.

    Sommergedicht:

    1 eiskaltes San Miguel
    aus der Dose

    Unten in der U-Bahn-Station, vor 5 großen, randvollen Plastiktüten sitzend, in denen sich wahrscheinlich all sein Hab und Gut befand, aß ein Mann ganz still und wie nach außen hin abgeriegelt sein Eis direkt aus der Großpackung, mit einer Schere.

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